Geleitwort


Für Kenner und Neugierige – außergewöhnliche Sachbücher

  1. Welche Sachbücher gibt es? In der letzten Zeit haben sich viele Menschen für Sachbücher interessiert. Diese Bücher behandeln oft spez...

Dienstag, 22. November 2022

TRÜGERISCHE MORGENRÖTE

Rudyard Kipling

TRÜGERISCHE MORGENRÖTE


    Gott weiß, was die Flut bringen wird. Die Erde ist krumm und schief, in Erwartung, in Schlaflosigkeit und mit offenen Augen, und wir, die wir aus der Erde gezogen wurden, vibrieren im Einklang mit unserer leidenden Mutter.

    (In unserem Gefängnis)


Kein Mann wird je erfahren, was an dieser Geschichte wahr ist.

Frauen können sie sich wahrscheinlich nach einem Tanz gegenseitig zuflüstern, wenn sie sich die Haare für die Nacht richten und die Listen ihrer Opfer vergleichen.

Natürlich ist ein Mann bei dieser Zeremonie nicht anwesend.

Erzählen Sie es daher äußerlich, ohne es zu sehen, ganz falsch.

Loben Sie niemals eine Frau für ihre Schwester, in der Hoffnung, dass Ihre Komplimente das Ziel erreichen, das Sie sich vorgenommen haben, und in der Hoffnung, dass Sie für sich selbst einen Meilenstein setzen.

Eine Schwester ist in erster Linie eine Frau. Sie ist erst dann eine Schwester und Sie werden erkennen, dass Sie sich selbst schaden.

Saumarez wusste dies, als er sich entschloss, um die Hand der ältesten Miss Copleigh anzuhalten.

Saumarez war ein ungewöhnlicher Mann. Er hatte kaum sichtbare Vorzüge bei den Männern, obwohl er bei den Frauen sehr gut angesehen war und genug Anmaßung besaß, um einen Vizekönigsrat damit zu versorgen, während er sich ein wenig für den Oberbefehlshaber des Generalstabs aufbewahrte.

Er war ein Zivilist.

Viele Frauen interessierten sich für Saumarez, vielleicht weil er ihnen gegenüber so grob war.

Wenn Sie mit den Nüstern eines Ponys zusammenstoßen, kann es sein, dass es Sie nicht mag, aber es ist sicher, dass es alle Bewegungen, die Sie später machen, mit großem Interesse verfolgen wird.

Die ältere der Copleigh Missen war hübsch, lebhaft, einnehmend und charmant.

Die jüngere war nicht so hübsch und wenn man Männer hört, die den obigen Ratschlag nicht beherzigen, wirkt sie abweisend und unattraktiv. In der Tat hatten die beiden jungen Leute das gleiche Äußere und die größte Ähnlichkeit zwischen ihrem Aussehen und ihrer Stimme, obwohl der erste Mann ohne zu zögern sagen konnte, welche von beiden hübscher war.

Saumarez hatte sich in den Kopf gesetzt, dass er die Ältere heiraten würde, sobald sie in der Station von Béhar ankamen.

Zumindest waren wir uns alle sicher, dass er dies tun würde, was auf das Gleiche hinausläuft.

Sie war 22 Jahre alt und er war 33 Jahre alt, mit einem Gehalt und Zulagen, die ungefähr 1400 Rupien pro Monat betrugen.

So passte diese Verbindung, wie wir es nannten, perfekt zusammen.

Sein Name war Saumarez und seine Natur war summarisch, wie jemand gesagt hatte.

Nachdem er seine Resolution verfasst hatte, bildete er ein Ein-Mann-Komitee, um sie zu diskutieren, und er stimmte dafür, dass er seine Zeit wählen würde.

Nach unserem ungebührlichen Slang jagten die Copleigh-Missen "gepaart".

Mit anderen Worten, es war unmöglich, sich mit einer von ihnen zu befassen, ohne sich mit der anderen zu befassen.

Dienstag, 15. November 2022

VEREINT MIT EINEM UNGLÄUBIGEN

Rudyard Kipling

VEREINT MIT EINEM UNGLÄUBIGEN


    Ich sterbe für Sie, und Sie sterben für einen anderen.

    (Sprichwort aus Punjab)


Als die Lokomotive von Gravesend sich von dem Dampfer der Peninsular and Oriental entfernte, um den Zug in die Stadt zu schleppen, nahm sie viele weinende Menschen mit. Aber keine dieser Personen weinte so ausgiebig und aufrichtig wie Miss Agnes Laiter.

Sie hatte allen Grund zum Weinen, denn der einzige Mann, den sie auf der Welt liebte - der einzige Mann, den sie jemals lieben könnte, wie sie sagte - war auf dem Weg nach Indien, und wie jeder weiß, ist Indien zu gleichen Teilen zwischen Dschungel, Tigern, Kobras, Cholera und Cipayes aufgeteilt.

Phil Garron, der im Regen an der Reling der Seite des Dampfers lehnte, fühlte sich auch sehr unglücklich, aber er weinte nicht.

Er wurde geschickt, um sich um "Tee" zu kümmern. Was war das für ein Tee? Er hatte keine Ahnung, aber er stellte sich vor, dass er auf einem kräftigen Pferd über die mit Teesträuchern bewachsenen Hügel reiten würde, dass er dafür einen schönen Sold erhalten würde und er war seinem Onkel sehr dankbar, dass er ihm diese Nische verschafft hatte.

Er hatte die aufrichtige Absicht, seine Gewohnheiten der Nachlässigkeit und Verschwendung zu reformieren. Er würde jedes Jahr einen großen Teil seines großartigen Gehalts zurücklegen und nach kurzer Zeit würde er zurückkehren und Agnes Laiter heiraten.

Dienstag, 8. November 2022

MISS YOUGHAL'S SAÏS

Rudyard Kipling

MISS YOUGHAL'S SAÏS


    Wenn Mann und Frau sich einig sind, was kann der Kazi tun?

    (Mohammedanisches Sprichwort)

Manche Leute sagen, dass es in Indien keine Romane gibt.

Diese Leute irren sich.

Unsere Existenzen enthalten so viel Roman, wie wir brauchen. Manchmal auch mehr.

Strickland gehörte zum Polizeikorps und niemand verstand ihn. Die Leute sagten, dass er eine seltsame Art von Mann sei und hielten sich von ihm fern.

Strickland war selbst schuld daran.

Er vertrat die außergewöhnliche Theorie, dass ein Polizist in Indien so viel über die Einheimischen wissen muss, wie diese über ihn wissen. In ganz Oberindien gibt es nur einen Mann, der sich nach Belieben für einen Hindu oder einen Mohammedaner, für einen Schamar oder einen Fakir halten kann. Er ist ein Objekt der Furcht und des Respekts für die Einheimischen vom Ghor Kathri bis zum Jamma Musjid. Es wird angenommen, dass er die Macht besitzt, sich unsichtbar zu machen und seine Befehle von einer großen Anzahl von Teufeln ausführen zu lassen. Aber hat ihm das irgendeine Gunst der Regierung eingebracht? Nicht im geringsten. Er hat nie den Posten des Simla erhalten und sein Name ist den Europäern fast unbekannt.

Strickland war so töricht, diesen Mann als Vorbild zu nehmen. Seiner absurden Theorie folgend, watete er durch unattraktive Gegenden, in denen kein Mann, der etwas auf sich hält, seine Erkundungen durchführen würde, und das alles inmitten der einheimischen Gauner. Er bildete sich selbst sieben Jahre lang aus und wurde dafür nicht mehr geschätzt.

Er ging ständig unter den Eingeborenen auf Fete, was einem Mann mit gesundem Menschenverstand natürlich nicht vertraut.

Bald wurde er in Sat Bhai in Allahabad eingeweiht, wo er sich auf Urlaub befand. Er lernte den Gesang der Sansi-Eidechse und den Hálli-Hukk Tanz, der ein religiöser Cancan der erstaunlichsten Art ist. Wenn ein Mann den Hálli-Hukk gelernt hat und weiß, wie, wann und wo er getanzt wird, weiß er etwas, auf das er stolz sein kann. Er hat den hinduistischen Charakter tiefer durchdrungen als die Haut.

Aber Strickland ist nicht stolz, obwohl er einmal in Jagadhri half, den Todesbullen zu malen, etwas, das ein Engländer nie zu sehen wagen würde. Er lernte den Slang der Diebe und Chángars von Grund auf. Er nahm einen Pferdedieb aus Eusufzai in der Nähe von Attock auf sich. Er stand unter der Kanzel einer Grenzmoschee und leitete den Gottesdienst, wie es ein sunnitischer Mullah getan hätte.

Sein außergewöhnlichstes Kunststück war, dass er elf Tage bei einem Fakir in den Gärten von Baba-Atal in Amritsar verbrachte und dort die Fäden zusammenführte, die zur Entdeckung des Mörders im großen Fall von Nasiban führen sollten. Aber man fragte sich nicht ohne Grund: "Warum bleibt Strickland nicht in seinem Büro, schreibt sein Tagebuch, macht Rekruten und hält still, anstatt die Unfähigkeit seiner Vorgesetzten zu demonstrieren"? Daher brachte ihm der Mordfall Nasiban keine gute Note im Departement ein.

Dienstag, 1. November 2022

Für Kenner und Neugierige – außergewöhnliche Sachbücher

 

1. Welche Sachbücher gibt es?

In der letzten Zeit haben sich viele Menschen für Sachbücher interessiert. Diese Bücher behandeln oft spezielle Themen und sind häufig sehr informativ. Wenn Sie also etwas über ein bestimmtes Thema erfahren möchten, ist ein Sachbuch eine gute Wahl. Sachbücher können in verschiedenen Genres gefunden wird. Es gibt Bücher über Geschichte, Technik, Kunst, Natur und viele andere Themen. Sachbücher sind Bücher über ein bestimmtes Thema. Sie können informative oder unterhaltsame Artikel enthalten. Die Mehrheit der Sachbücher konzentriert sich auf einen bestimmten Aspekt eines Themas. Es gibt jedoch auch längere Sachbücher, die mehrere Themen behandeln. Die meisten Sachbücher sind non-fiktionale Bücher, die von Autoren geschrieben werden, die über das Thema Bescheid wissen. Es gibt aber auch Fiktion-Sachbücher, die Geschichten erzählen, die sich um bestimmte Themen drehen.

2. Für wen sind Sachbücher interessant?

Sachbücher sind für alle interessant, die sich für ein bestimmtes Thema informieren möchten. Durch das Lesen von Sachbüchern können Sie viel Neues über ein Thema erfahren und Ihr Wissen erweitern.

3. Wie finde ich das richtige Sachbuch?

Auswahl an Sachbüchern ist sehr groß. Um das richtige Buch zu finden, sollten Sie zunächst überlegen, welches Thema Sie interessiert. Dann können Sie in einer Buchhandlung oder online nach Büchern suchen und sich die Rezensionen durchlesen. Die meisten Sachbücher sind auch als E-Book erhältlich. So können Sie das Buch jederzeit und überall lesen.

4. Auf was sollte ich beim Kauf eines Sachbuchs achten?

Sie ein Sachbuch kaufen, sollten Sie auf die Qualität des Buches achten. Achten Sie darauf, dass es von einem spezialisierten Verlag veröffentlicht wurde und sorgfältig recherchiert wurde. Welche Vorteile hat das Lesen von Sachbüchern? Durch das Lesen von Sachbüchern können Sie Ihr Wissen erweitern und sich über verschiedene Themen informieren. Außerdem können Sachbücher sehr lehrreich sein und Ihnen neue Perspektiven auf ein Thema eröffnen.

5. Wo kann ich Sachbücher kaufen?

Sie können Sachbücher in jedem guten Buchhandel oder auch im Internet kaufen. Viele Sachbücher sind auch als Hörbuch oder E-Book erhältlich. Außergewöhnliche Sachbücher finden Sie über die Webadresse toppbook.de.

6. Tipps für den Umgang mit Sachbüchern

Sachbücher sollten sorgfältig ausgewählt werden, um einen Mehrwert für die eigene Person zu erzielen. Informieren Sie sich vorab über das Thema und den Inhalt des Buches, um festzustellen, ob es für Sie geeignet ist. Zu Beginn eines Sachbuchs sollte man sich Zeit nehmen und in Ruhe lesen, damit der Inhalt verstanden werden kann. Langsam lesen und unterstreichen oder markieren hilft beim Verständnis von schwierigen Textpassagen. Wenn man regelmäßig Sachbücher liest, steigert man nicht nur sein Allgemeinwissen, sondern kann auch viel Neues über interessante Themen erfahren. Dabei ist es wichtig, dass die Bücher gut recherchiert und verständlich geschrieben sind. Auf toppbook.de finden Sie jede Menge tolle und verständliche Sachbücher für Erwachsene und Jugendliche mit verschiedensten Interessensgebieten.

INS ABENTEUER GESTARTET

 Rudyard Kipling

 INS ABENTEUER GESTARTET


    Und einige schmollen, während andere tauchen wollen. (Nun, halten Sie sich fest, bleiben Sie ruhig!) Einige von Ihnen müssen sanft sein, andere müssen zuschlagen (Hier, hier, hier, hier, hier! Wer redet denn davon, Sie zu töten?) Einige von Ihnen - es gibt Abfall in jedem Beruf - werden ihr Herz brechen, bevor sie den Tod empfangen und gezähmt werden, und sie werden sich unter dem Biss des engen Seils wie der Teufel bewegen und vor stummer Wut im Hof der Manege sterben.

    (Chor im Toolungala-Gehege)


Einen Jungen "in Watte" aufzuziehen, wie die Familien sagen, ist nicht klug, wenn der Junge später in die Welt hinausgehen und seine Ellenbogen ausfahren soll. Wenn er nicht eine äußerst seltene Ausnahme ist, wird er sicherlich viele Krisen durchmachen müssen, die es zu vermeiden gilt, und höchstwahrscheinlich wird er schreckliches Leid erdulden müssen, nur weil er die wahren Verhältnisse nicht kennt.

Lassen Sie einen kleinen Hund die Seife im Badezimmer fressen oder an einem Stiefel kauen, der gerade geputzt wurde. Er kaut und nagt weiter daran, bis er eines Tages feststellt, dass die Schuhcreme und die Windsor-Seife von Old Brown ihn sehr krank machen. Daraus schloss er, dass die Seife und die Stiefel nicht gesundheitsfördernd sind.

Der alte Hund des Hauses lehrt ihn bald, dass es unklug ist, alten Hunden die Ohren abzubeißen.

Als junger Hund behält er diese Lektion im Gedächtnis und im Alter von sechs Monaten zieht er als gut erzogenes kleines Tier mit diszipliniertem Appetit in die Welt hinaus.

Wenn er von den Stiefeln, der Seife und den Ohren der großen Hunde ferngehalten worden wäre, wenn er dann sein Wachstum abgeschlossen hätte, mit all seinen Zähnen, wenn er plötzlich mit dieser gefürchteten Dreifaltigkeit in Kontakt käme, urteilen Sie, ob er grausam krank würde und ob er Prügel bekäme.

Wenden Sie diese Prinzipien auf das System der Erziehung "in Baumwolle" an und sehen Sie, was dabei herauskommt.

Es hört sich nicht gut an, aber von zwei Übeln ist es das kleinere.

Es gab einmal einen kleinen Jungen, der nach dem "Baumwollsystem" erzogen wurde und dieses System kostete ihn das Leben.

Mittwoch, 26. Oktober 2022

Die Tauben von San Marco

 Elisabeth Dauthendey

Die Tauben von San Marco

Venedig.

Wer vergisst sie je, der sie einmal schaute.

Diese einzig Geartete unter allen Städten der Erde.

Der Klang ihres Namens ist wie ein bebender Glockenton aus weiten, dunklen Fernen.

Dieser Klang geht mit uns durch die seltsam engen Gassen. Schaukelt auf den müden Wellen der blauschwarzen Wasserwege. Steht wie ein versteinertes Echo über den finsteren, drohenden Herrlichkeiten der einsamen Paläste

Venedig –

Die dich zum erstenmal schauen, gleiten wie Schlafwandelnde durch den Traum deiner farbenglühenden Stille. Ihre Seelen sind wie weit offene Schalen, bis zum Rande gefüllt von dem Rausche deiner flüsternden Geheimnisse, die zwischen deinen nachtschwarzen Wassern und der seidenweichen Bläue deiner Höhe hängen.

So gleitet Elena durch die Tage und Nächte Venedigs.

Kühl wie der junge Morgen, vom herben Dufte der ersten Reise umwebt, steht sie verwirrt wie ein scheuer Vogel an der Schwelle dieser berauschenden Offenbarungen, deren lockende Stimmen an die Verborgenheiten ihres eigenen Wesens dringen.

Vom Leben schon berührt, doch noch nicht zu ihm erwacht, lauscht sie in sich hinein und bleibt ohne Antwort auf die drängenden Fragen.

Und die antwortlose Leere ihrer Seele öffnet sich in schrankenloser Weite der berauschenden Fülle umher, die sie mit unerhörten Herrlichkeiten schier qualvoll überstürzt.

Wie war es doch –

War es ein Tag? Ein Traum –

So weit weg liegt es, was sie doch so tief bewegte, seit sie den Fuß an das seltsam unwirkliche Gestade dieser Stadt setzte, die ohne Schall und Laut in die Melancholie atemloser Zeitlosigkeit eingebettet scheint.

Alle Erinnerungen ruhen. In dieser klanglosen Stille versinken sie wie in seidene Schleier.

Nur der Augenblick lebt.

Und jeder Augenblick ist ein neues Schauen und Ergriffensein, eine neue Entzückung und Aufgelöstheit in die fremde Seltsamkeit umher.

Wie ein Zauber liegt die Stille über den dunkeln Wasserwegen, die wie finstere Runen lang abgelebter Schicksale im leisen Flimmer des silbernen Südlichtes träge hinfluten, spinnt zwischen den Kuppeln der Dome und den ragenden Palästen und liegt wie ein weicher Teppich über den engen Gassen hingebreitet.

Der schwirrende Flug der unzähligen Tauben von San Marco ist der einzige Ton, der diese Stadt bewegt, der aus ihr kommt und ihr gehört.

Wenn es vom Torre d'Orologio Mittag schlägt –

Das ist die Stunde, da die Scharen der Fremden sich auf der Piazza sammeln, um dem Fluge der Tauben zu lauschen, der gleichsam eine Erlösung aus der geisterhaft starren Stille ringsum zu bringen scheint.

Elena steht mitten unter ihnen. Auch sie hat die Hände voll Brosamen und streut sie dem lustgirrenden Gevögel achtlos hin.

Achtlos, wie im Traum.

Denn schlafwandelnd geht sie durch die Tage.

Alle Wege zu sich selbst sind überladen von all dem Neuen und Gewaltigen, das über sie kam. Alle Brücken zur Vergangenheit aufgehoben. Zu jäh war der Schritt aus der Leere ihrer unbewegten Jugend zu den sich überstürzenden Ereignissen der letzten Wochen und Tage.

In kurzen Wochen ist sie Braut und Weib geworden.

Kaum aber war sie am bräutlichen Kusse zu dem leisen Erstaunen erwacht, das ihre schlafende Seele fast mit Schrecken erfüllte, entriss ihr der rauhe Wille des tobenden Krieges den Verlobten. Und wenige Wochen darauf ward sie sein Weib.

Mittwoch, 19. Oktober 2022

Der nie geküsste Mund

 Elisabeth Dauthendey

Der nie geküsste Mund

Die Fenster der kleinen Villa standen ringsum weit offen, als wollten sie die wollüstige Südwärme gierig einsaugen, um gegen die Kälte der Nacht Schutz und Widerstand aufzuspeichern. –

Auf der Loggia, in kostbare Decken gehüllt, lag ein junges Weib. An den Glaswänden hingen die Zweige der gelben chinesischen Kletterrose wie schwere Vorhänge, die das grelle Südlicht zu sanfter Dämmerung abblendeten.

Ena schlief.

Leise erhob sich die Krankenschwester, sah mit einem sorgenden Blick zur Ruhenden hin und huschte weich und lautlos zur Türe hinaus.

Draußen rauschte das Meer. Die dumpfe Kadenz der an das Ufer stoßenden Wellen schwoll und verhauchte in schwermütiger Eintönigkeit und mischte sich mit den schwebenden Düften der Eukalypten und Orangen zu einer seltsamen Melodie voll honigschwerer Süße.

Mit diesem Umkreis tiefgesättigter Schönheit verwob sich die Gestalt des schlafenden Weibes zu einem Zustand atemloser Erwartung. Als harre alles auf den Augenblick, da diese stumm verschlossenen Lider sich auftun würden, um allem umher erst Wirklichkeit und Sein zu geben.

Voll Lockung und Rätsel war dieses Antlitz.

Wie alt mochte es sein?

Es gibt Gesichter, die sehr lange ohne jeden Verrat bleiben auf diese Frage. –

Das Leiden hatte diesen adelsrassigen, bis in die Fingerspitzen vollkommen gebauten Körper mit jener wehen Durchgeistigung umhüllt, welche gleichsam die letzte Idee des zeugenden Lebenswillens zu asketischer Reinheit herausmodelliert. –

Ena schlug die Augen auf.

Es war, als ob düstere Fackeln in einer tiefen Grotte auflohen. Eine schwermütige Unruhe, wie eine vor dem Sturme herwehende Flamme, bebte aus den großen, sammetweichen, von feuchten Glanzlichtern überstrahlten Augen.

Das blauschwarze Haar breitete sich in reicher Fülle wie geheimnisvolle Nachtschatten um das elfenbeinfeine Gesicht, in dem der glührot blühende Mund von einem leisen, welken Zug schmerzlicher Sehnsucht umdunkelt war.

Ena erhob sich mit dem Elan eines raschen, heißen Temperamentes, dem die Hemmungen des inneren Leidens aber sofort die überschätzte Spannung nahmen, so dass die Schritte müder und die Flammen der Augen stiller wurden, als sie sich bis zur Brüstung der Loggia hingeschlichen hatte.

Ena breitete die Arme gegen die blauende Inbrunst des gleißenden Südlichtes, ihre Brust hob und senkte sich und nahm mit tiefer Wollust all die weite Bläue und duftende Wärme in sich auf.

Und Ena sprach mit ihrem Herzen.

– Göttliches – Göttliches bist du, Schönheit –

Wie tust du mir wohl. Meinem wehen Leibe, meinem darbenden Blute – meiner meerestiefen, schmerzhaften Sehnsucht –

O Leben, Leben, bleibe – fliehe nicht vor meinen schwachen Schritten – mein ganzes Sein greift nach dir – ich liebe dich, Leben – Halte still – einen seligen, gewaltigen Augenblick, dass ich dir ins letzte Zeichen deiner abgrundtiefen Lockungen schaue und die Tore endlich offen finde, die du mir so hart verschlossen hältst.

Gehe nicht von mir, – Leben – ehe ich wissend wurde um dich. –

Schon war die Gewalt ihrer weitgespannten Seele wieder zuviel für die vom Leiden untergrabenen Kräfte.

Blass und einer Ohnmacht nahe sank Ena gegen die Säule. Sie fühlte sich von den starken Armen der Schwester zart umfangen und linde und liebevoll zum Lager zurückgenommen.

– Ena, geliebte Ena, lass deine Kraft ruhen – lass alles ruhen in dir und an dir nur in der Ruhe kannst du genesen. –

– Ruhen – Ena stieß das Wort mit furchtbarem Hohn hinaus, – ruhen, ehe man gelebt – ich verzehre mich vor Sehnsucht nach dem Leben, und du sprichst von ruhen – Flammen sind in mir, und ich soll glimmen wie ein ausgelöschtes Licht. –

– Lass die Flammen deiner Seele zum Ewigen aufsteigen, so werden sie sanft gehen wie auf Taubenfüßen. –

– Der Ewige hat mich betrogen. –

Der Tod steht auf der Schwelle, ehe das Leben zu mir kam. –

– Wartet nicht das Leben hinter dem Tode – sagte die Nonne mit erschüttertem Herzen und redete mit ihrem Gotte in ihrer Sprache.

Ein leises Klopfen kam von der Tür. Die Nonne öffnete und ließ den Arzt herein.

Ein kleiner, beweglicher Mann trat ein, verbeugte sich elegant und tänzelte mit leichten Schritten zum Lager hin.

Der ziemlich simple Blick seiner Augen erhielt durch die scharfen Gläser einen intelligenteren Ausdruck, als ihnen zukam, und die hohe Leere über der Stirn rückte auch diese in eine geistigere Region, als sie an sich zu beanspruchen hatte.

Ena grüßte mit den Augen, dann schloss sie sie.

Dieser Mann machte sie durch seinen bloßen Anblick leiden. Die absolute Leere, die ihn umgab, und Stimme und Gesten zu rein automatischen Wirkungen brachte, reizte ihre Sensibilität bis zur Schmerzhaftigkeit. Aber da er ihr als einziger deutscher Arzt am Orte empfohlen war, blieb ihr keine Wahl.

– Komtesse sind heute sehr angegriffen –

– Gestatten, Komtesse, – und er näherte sich, um sie zu untersuchen.

Ena schleuderte einen Flammenblick über ihn hin. –

– Nun dann nicht – sagte er mit einem vergeblichen Versuch, überlegen zu lächeln.

– Hat Sie etwas besonders verstimmt heute? –

– Ist das Leben an sich nicht Verstimmung genug – und meines im besonderen. –

– Es kommt darauf an, wie man's sieht. Was kann Leben Besseres sein als ein Ruhen auf dem sicheren Grunde, der alle Wünsche erreichen lässt – und Sie brauchen nur zu winken, und alle guten Dinge des Lebens kommen zu Ihnen. –

– Nur das Leben selbst nicht – rief Ena mit greller Stimme, die dem Manne wie ein Peitschenhieb über die Nerven fuhr. –

Er erhob sich. Er fühlte, dass da etwas in tieferen Gründen krank und leidend war, Gründen, zu denen er keinen Zugang hatte, und mit denen sich zu beschäftigen ihm gänzlich fern lag. Das Körperliche war sein Bereich, was ging das übrige ihn an.

– Komtesse ist aufgeregter, als für ihren Zustand gut ist –, sagte er draußen zur wartenden Schwester – ich werde den deutschen Priester schicken, der eben in der Kolonie angekommen ist. –

– Ist es schon so weit – fragte mit angstvoller Stimme die Nonne. –

– Nicht weiter, nicht näher als bisher – aber man kann bei diesen Kranken nie wissen. –

Und damit befreite er sich von dem peinlichen Gefühl einer Verantwortlichkeit für diese leidende Seele, die einen Augenblick wie ein flüchtiger Schatten gegen den leeren Raum seines Geistes angeflogen war.

– Der Kaplan aus der Kolonie will dir seinen Besuch machen – meldete die Nonne einige Tage später.

Ein fliegender Schrecken zuckte über Enas Gesicht.

– Nein – nein, Liebe – er besucht alle Deutschen am Ort. –

Ena atmete auf.

Der Kaplan trat ein.

Hoch, aufrecht, mit festem, von einem starken Willen gemäßigten Schritt kam er heran.

Das dunkle Haupt mit den großen, freien Zügen wirkte düster im ersten Eindruck. Aber das strahlende, fast feierliche Leuchten in den Augen und die bewegliche, nervöse Linie um den von seiner Sinnlichkeit geschwellten Mund hellten jene Dunkelheit auf und brachten einen seltsam aufreizenden Widerspruch in das junge, allzu früh gereifte Angesicht.

Der Priester verbeugte sich weltmännisch sicher und mit geschmeidiger Würde.

Aber das Wort wollte nicht kommen zwischen ihnen.

Beider Blicke blieben ineinander haften. Mit krankhaft fiebernder Hast durchforschten Enas Gedanken diese neue Gestalt. Drangen in die Seele des Mannes. Ließen laute, brennende Fragen zu ihr hinschwirren und suchten die letzte Einsamkeit seines Wesens, um für die Unrast ihrer Qualen eine Schwelle der Ruhe zu finden.

In den Augen des Priesters stand erst ein großes Erstaunen. Er fühlte ein Erwarten, Wollen, in-Besitz-Genommenwerden, gleichsam ein jähes Erkanntwerden in den tiefsten Gründen seiner selbst, gegen das sich alles in ihm sträubte.

Zugleich aber fesselte ihn die flehende Eindringlichkeit dieser Augen, die wie Fackeln das wundervolle Antlitz überstrahlten, in deren überweiter, fiebernder Aufgeschlossenheit das schleichende Siechtum sich verriet, dem es bislang noch nicht gelungen war, diese makellose Schönheit unter seine Beschattung zu zwingen.

Und während dieser widerstreitenden Kreuzungen zwischen seiner verletzten Selbstsicherheit und gespannten Erwartung gingen aus dem heißen Atem des Schweigens ihrer beider Seelen einander entgegen und grüßten sich und wussten umeinander, ehe noch ein Laut zwischen ihnen war, und so kam es, dass, als endlich die Stille überwunden werden musste, er mit viel näheren Worten zu ihr sprach, als ihm vorerst noch zukam. –

– Wir sind beide Fremde hier – sagte er, das gibt uns eine Heimat zueinander. –

Ena lauschte betroffen.

Diese fremde Stimme kam wie aus weiter Ferne und griff doch so warm nach ihr, ihr dunkler Klang hatte etwas von der duftenden Schwere der Südrosen und der herben Weinsüße dieses gebenedeiten Landes.

Und als die ihre wie eine zarte, reine Glocke zu ihm hinübertönte, eine Glocke, die zwischen Erd' und Himmel im Raume der ewigen Sehnsucht ihre keuschen, rufenden Klänge hinausbebt, lauschte auch er mit verhaltenem Atem, wie in ein neues Land hinein, zu dem diese Stimme eine schwebende Brücke war.

Ihre Worte sprachen aneinander vorüber, nebeneinander her, ohne sich zu treffen und zu vereinigen. Zu stark war die betäubende Macht, die von Ufer zu Ufer zwischen ihnen hinüber-und herüberströmte, jene geheimnisvolle Macht, die der Tiefe der Persönlichkeit entströmt, wie der erregende Duft erlesener Edelweine.

So hatten sie eigentlich einander nichts gesagt, als der Priester sich verabschiedete. Aber ihre Seelen waren voll voneinander bis zum Rande.

– Zu diesem werde ich reden können – und er ist ein Priester – dachte Ena, und ein friedliches Lächeln senkte sich auf ihre roten, fieberheißen Lippen.

– Endlich sind wir auf dem rechten Wege, – sagte die Nonne leise und küsste Ena auf die Stirn.

Der Priester ging mit seinen starken, ruhenden Schritten durch die köstliche blauende Luft, die den, der sie zum erstenmal schaut, mit tausend Wundern überschüttet, ihm das Eigenste zu seliger Offenbarung werden lässt. Er fühlte seinen Gott so greifbar nahe wie nie zuvor, und eine seltsam befreiende Aufgelöstheit ins All überkam seine Seele und ließ sie durchsichtig werden wie ein Kristall. –

Als sie sich wiedersahen, grüßten sie sich wie solche, die in der Stille ihres Herzens lange Zwiesprache miteinander gehalten.

In Enas Seele zersprang der eiserne Reif, der so lange die Bürde ihres Leibes zu schmerzhafter Qual zusammengepresst hatte. Nach wenigen Tagen lagen alle ihre Wunden ohne Scham und Scheu vor den wissenden Mannesaugen des gottgeweihten Priesters.

Sie fühlten einander nicht Weib noch Mann. Ihre Körper verflüchtigten sich gleichsam an der brennenden Freude aneinander zu einer Essenz der Schönheit, die sie wie eine köstliche Berauschung genossen und welche die Grundtöne ihrer seelischen Zwiesprache mit einer feinen zärtlichen Melodie umspielte.

Er kam nun täglich um die Abendzeit. Priester und Mensch in ihm gleich stark angezogen von der magnetischen Gewalt dieser von unheilbarem Leiden geheimnisvoll umblühten Schönheit.

Eines Abends war es.

Der Priester saß in der lässigen Haltung vornehmer Selbstsicherheit tief in einem der modernen Lehnstühle, die in ihrer raffinierten Stützung gleichsam alle körperliche Schwere aufheben und dem geistigen Fluid vollen Spielraum geben.

Er blickte in das göttliche Bild der abendlichen Landschaft.

Ena ruhte auf dem Lager.

Ihre reine, warme Stimme klang durch den Raum wie weher Glockenlaut. Sie sprach, als rede sie zu sich selbst.

– So bin ich immer einsam gewesen.

Von dem plötzlichen Tode der Meinen wie von einem engen Ring umfasst. Jäh herausgerissen aus einem täglichen Tumult rauschender Betäubungen. Das Leben ahnend in der Bedeutung seiner glühenden Feste, aber nie zu den Altären seiner Opferungen gelangend. –

– Was hinderte Sie, die Leidenschaft zu finden?

– Es war ein seltsam Doppelspiel in mir. Neben dem qualvoll brennenden Durst nach dem Lebenstrank die zageste Scheu vor dem Becher, aus dem ich trinken sollte. Ein Grauen vor dem Manne und ein Zwang zu ihm; zwischen diesen beiden Gewalten zu einer scheinbaren Kälte verdammt, die mich glühende Qualen erdulden ließ. –

Hätte ich Ihre Religion, wäre ich zu den Altären Gottes geflüchtet, um in den Ekstasen der Seele die des Blutes zu vergessen. –

Der Priester erschrak. Die zarte, lilienreine Stimme wurde plötzlich seltsam dunkel. Wie purpurrote Blutwellen brandete sie zu ihm hin.

Er blieb eingehüllt in seinem Schweigen. Er fühlte, der letzte Schrei ihrer todwunden Qual wollte sich aus der Tiefe lösen. Vielleicht brachte dieser die Erlösung, dass er dann der vom Kampf ermatteten Seele mit der Wärme seines tiefen Mitleids beistehen konnte.

– Denn ich fand den goldnen Becher nicht, aus dem zu trinken mich gelüstet hätte. –

Und nun – nun steht der Tod an der Schwelle und greift nach meinem Leben – ehe ich das Leben erkannte – sein flammendes Geheimnis soll sich mir nie enthüllen – dieser Zwiespalt bringt mich dem Wahnsinn nahe –

Ena erhob sich von dem Lager.

Wie getragen von der kreisenden Erregung ihres Blutes, trat sie hoch aufgerichtet vor den Priester hin.

Auch der Priester erhob sich.

Selbstvergessen, wie schlafwandelnd, mit starren, weit geöffneten Augen blickte Ena ihn an. Dann flog ein heißes Erschrecken über ihre Züge, als fühle sie plötzlich, dass sie nicht nur zum Priester gesprochen habe –

In jäher Erschütterung erkannte sie in diesem Augenblick den Mann in ihm. –

Eine jagende Blutwelle überstürzte das starre, bleiche Gesicht. Aus den Augen strömte ein wunderbares Licht, als seien die Schleusen der Seele bis in die tiefsten Quellen aufgebrochen. Die ganze Gestalt war gleichsam eine glühende Fackel, die, von unwiderstehlicher Leidenschaft entfacht, in keuscher Herrlichkeit aufloderte. –

Der Priester erbebte.

Regungslos standen ihre Blicke in den seinen. Auf Gnade und Ungnade seiner Antwort hingegeben.

Dem Meister der Sprache kamen keine Worte.

Wie ein Abgrund war es zwischen ihnen, in den ein Hauch des Mundes sie stürzen konnte.

Mit einem Ton konnte er diese fliehende Seele töten.

Mit einer Erbarmung ihr den Frieden geben.

Einen Augenblick war die Stille des Todes zwischen ihnen.

Ein Ringen und Beten durchdrang die starke, keusche Seele des Priesters.

Er breitete die Arme aus.

Und wie unter einer überreifen Qual zusammenbrechend, glitt das Weib in heißem Erschauern an seine Brust.

Da sprangen auch in ihm die verschütteten Brunnen der seligsten Lebensströme auf.

Der nie geküsste Mund des Weibes erblühte an seinen Lippen.

Alle kranke Sehnsucht rauschte in glühenden Garben auf. Tiefe Süßigkeit des Friedens breitete sich über das schöne Angesicht. Ein Lächeln von hinreißendem Zauber durchleuchtete die vollkommenen Züge, die, aller Erdenhaftigkeit entrückt, in der heiligen Reinheit ihrer göttlichen Entstammung strahlten.

Plötzlich flog ein jähes Erblassen über sie hin.

Ein kurzes, schweres Aufatmen.

Dann war das Leben erlöscht. – –

Mit zarten Händen ordnete der Priester alle äußere Unruhe an dem stillen, sanften Körper.

Sah noch einmal mit aufleuchtendem Blicke zu dem überirdisch lieblichen Lächeln, von dem das Antlitz in süßester Holdseligkeit übergossen war.

Dann ging er seinen Weg. –

Nahm noch mit allen Kräften die Gattesherrlichkeit der Wunderwelt des blauenden Südens in seine schönheitstrunkene Seele.

Jahre der bittersten Sehnsucht hatten hier endlich ihre Erfüllung gefunden.

Einige wenige kurze Tage war er mit dankender Demut untergetaucht in diesem brausenden Meere endloser Seligkeiten.

Und jetzt gab es nur eines für ihn. Jeder Schönheit bar musste von nun ab sein Leben sein.

Dem Gesetze, das er freien Willens selbst über sich verhängt, musste volles Genügen geschehen. Wenn auch im Letzten seiner selbst der Freispruch höchster Erkenntnis ihn jeder Schuld entband.

Seinem Beichtiger unterwarf er sein Verfehlen.

Und nahm stark und duldsam die Buße auf sich, um die er selbst gebeten.

In der unwirtsamen Gegend eines nordischen Berglandes, hoch über dem warmen Leben der Menschen, blieb er fürder für Jahre ausgeschlossen von jedem und allem, dessen sein Geist und sein Wille bedurfte.

Arm, leer und streng gingen seine Tage von ihm. Arm, leer und streng kamen seine Nächte zu ihm.

Aber im Allerheiligsten seines Wesens blieb ein seltsam keusches Licht, das von der Erinnerung an das süße, holde Lächeln der Erlösung des nie geküssten Mundes ausstrahlte. Und ob er gleich schuldig geworden, konnte er nie jemals auch nur die leiseste Reue empfinden.

An den harten Pfahl der Buße band er seine Schuld.

Sein Herz aber hielt Zwiesprache mit dem höchsten Erbarmer, dessen Antwort ihm aus dem keuschen Lächeln der Toten entsühnend in jene Tiefe gedrungen war, wo der letzte Richterspruch uns bindet oder löst.

Mittwoch, 12. Oktober 2022

Zwischen zwei Fenstern

 Elisabeth Dauthendey

Zwischen zwei Fenstern

Glührot leuchtete das Fenster. Leuchtete so stark und aufdringlich, dass die Blicke der vorübergehenden wie ein Magnet davon angezogen wurden.

Und da dem Fenster gegenüber ein sehr besuchter Wirtshausgarten lag, gab es der Augen genug, die immer wieder zu dem rotleuchtenden Fenster sich verloren, dessen glutroter Rahmen brennender Geranien den feinen Kopf eines Mädchens umlohte, das hier auf erhöhtem Sitz Tag um Tag das zarte Profil, umwuchert von einer lose flatternden Fülle tiefschwarzen Haares, den Vorübergehenden zukehrte.

Während ihre weißen und gut gepflegten Hände rastlos an der Arbeit waren, flog ab und zu immer wieder ein Blick ihrer dunklen Augen, die einen seltsam feuchtschimmernden Glanz ausstrahlten, zu dem Fensterspiegel hin, und wenn sie dann, wie es oft geschah, die Blicke der Vorübergehenden mit dem Ausdruck verblüffter Überraschung und Bewunderung auf sich gerichtet sah, huschte ihr eine feine Röte über die Wangen, und ein schnelles Lächeln des Triumphes umspielte den tiefroten Mund.

Bei aller Beweglichkeit ihres raschen Temperamentes achtete Madlon mit peinlicher Angst darauf, beim Aufstehen und Niedersitzen ihre Haltung genau so zu bewahren, dass man sie von draußen nur in einer ganz bestimmten, vor dem Spiegel lange eingeübten Pose sehen konnte, – denn sie wusste, dass es nur einer kleinen unvorsichtigen Wendung bedurfte, um all den Zauber, der von der etwas bizarren Linie ihres feinen Kopfes ausstrahlte, endgültig zu zerstören.

Denn gerade gegen diese eigenartige Schönheit des Kopfes war die Kontrastwirkung des verwachsenen und verschobenen Körpers doppelt stark und erschreckend. Und dieses plötzliche Erschrecken in den Augen, die eben noch feurig und lockend zu ihr hingesehen, dieses jähe Erlahmen und Abfallen des zu ihr hinflutenden Begehrens, diesem furchtbaren Augenblick tödlichster Qual, dem suchte sie immerfort auf raffiniertesten Umwegen zu entgehen. –

Tag um Tag sah man so die schöne Madlon in dem rotleuchtenden Rahmen dieses Fensters sitzen.

Tag um Tag flogen ihre behenden kleinen Hände durch allerlei bunten Plunder und schufen daraus die tausendundein reizenden Dinge, welche den Köpfen schöner Frauen jene letzte Vollendung geben, die eine gewisse Männerart kopf-und sinnlos ihnen zu Füßen zwingt.

Das war Madlons Element. Im Bunten wühlen. Über Farben herrschen, die schreiendsten Extreme zu einer unerhörten Harmonie bändigen. Jedes Werk ihrer fabelhaften Phantasie war ein Wagestück, und nur die tadellosesten Frauengesichter der Stadt konnten sich diese kecke Krönung ihrer Reize erlauben, ohne grotesk und beleidigend zu wirken.

Aber diese waren auch mit allen Fasern ihrer blühenden Eitelkeit an Madlons Künste gekettet, umschmeichelten und umgaukelten sie mit süßen Worten und Gaben und füllten ihr den schon recht bizarr ausgestatteten Raum ihrer Innenwelt mit einer Menge gefährlichen Überflüssigkeiten, für die sie ihre seelischen Spannungen weit über ihre Kräfte ausdehnen musste. So, getragen von einer schwer gesättigten Dunstwolke überhitzter Schmeichelei und umschwebt von den lauen, erschlaffenden Dunstwellen der weit über ihren Horizont reichenden Welt der eleganten Dame, lebte Madlon recht eigentlich ein fremdes Leben. Das Leben all dieser müßigen, leeren, von lauter Nichtigkeiten aufgeblähten Frauenseelen ließ seine tanzenden Schatten in ihrem Zimmer zurück, und all die kleinen Vertraulichkeiten, mit denen sie Madlon ansprühten und damit zugleich sich selbst angenehm entlasteten, nahmen dann in ihren einsamen Stunden Form und Farben an und durchwirkten und erfüllten Madlons arme, kleine, sehnsüchtige Seele bis zum Rande mit tausend schmerzlichen, unerfüllbaren Träumen, die ihr wie allzu schwerer Wein Herz und Nerven zu wirrem Rausch verknäulten.

Ein Potpourri von vielen Melodien schwirrte in ihrem Kopfe. Lauter Ansätze und Anfänge, die sich nie zu einer vollen Harmonie zusammenschlossen, Leitmotive, die, unausgebaut und unerlöst, frei in der Luft schwebten und zu unzähligen Wegen wiesen, die aber nirgendhin zu einem Ufer oder Ziele führten, so dass Madlon oft unter dem Andrang und der Überfülle der Gedanken und Bilder, die ihr aus all dem fremden Erleben zuströmten, ihr eigenes Leben seltsam überlastet und sich selbst merkwürdig unwirklich empfand.

Die sechs Tage der Woche hindurch kam ihr das nicht so voll zum Bewusstsein. Da war ihre Arbeit, an der sie eine glühende Freude hatte, da war der köstliche Augenblick der Vollendung einer der feinen Kostbarkeiten weiblichen Zierrates, jener Augenblick, in dem sie, trunken von Lust an sich selbst die schöpferische Beglückung des Künstlers genoss, dem es gelingt, das Gebilde seiner Ideen in ein plastisch Greifbares umzusetzen. Und zuletzt noch jener Moment, da sie in den Augen der andern die Raketen der Freude aussprühen sah, die besser als Worte ihr die heiße Entzückung über das Geschaffene verkündeten, die als letzter und süßester Tropfen in den Becher ihrer Lust fiel.

In diesem Dreitakt der seelischen Bewegung ging die Woche zu Ende. Die inneren Erregungen und fiebernden Kreuzungen ihres so vielfach an-und aufgeregten Gefühlslebens blieben gleichsam wie unter der Sordine zu dumpfem Halblaut gedämpft, im Hintergrunde ihres Empfindens, aus dem aber hin und wieder ein aufstürzender Ton hervorbrach, der wie fernes Wetterleuchten die Schwüle ihres Zustandes verriet. –

Aber der Sonntag. Und sonderlich zur Sommerzeit.

Da war alles losgelassen in ihr.

Da fuhr sie sechsspännig über die unermessliche Ebene ihrer wilden Wünsche und wirren Sehnsüchte. Alle Ekstasen einer sentimentalen Frömmigkeit und bacchantischen Lust zu allen Reizungen des Blutes überfielen sie an diesem Tage der Freiheit mit den Schauern dämonisch aufgewühlter Lust und schwermütiger Sehnsucht nach den von Weihrauch durchdufteten Gefilden überirdischer Beseligungen.

Zur Kirche ging sie dennoch nicht.

Zu stark empfand sie die Last, die aus den Empfindungswellen einer Menschenmenge sich fast zur Greifbarkeit zusammenballt, und ihre krankhaft sensible Reizbarkeit fühlte sich unerträglich beschwert durch die sich so jäh kreuzenden Urteile, die der auffallende Zwiespalt ihrer Erscheinung immerfort zur Auslösung brachte.

Aber ihre Frömmigkeit feierte glühende Feste im stillen Raume ihres Schlafkämmerleins, dessen Fenster nach der entgegengesetzten Seite des andern, rotumrankten, lag.

Dieses Fenster schaute in eine ganz andere Welt.

Die stille, breite Vorortstraße führte hier zu einer kleinen Wallfahrtskapelle, die hoch oben über sanften Rebenhügeln mit ihren Kuppeln und Kreuzen aufragte.

Eine hohe, graue Mauer ging ein Stück der Straße mit. Terrassenförmig stieg über ihr der Waldgarten des Klosters empor. Dunkles Efeugehänge wucherte in schweren Wellen über die Mauer herab. Die Luft war beladen mit den honigsüßen Düften der blühenden Bäume und Sträucher, deren Blattwerk vom Wellenspiel der Vogelstimmen leise durchbebt wurde.

An der einen Seite fiel die Mauer mit einigen Stufen zur Straße herab und ließ ein Steinrund frei, über dem eine Tuffsteingruppe den heiligen Ölberg darstellte, vor dem die Figur Christi in tiefem Gebet versunken auf den Knien lag. Das Gestein bildete zur Steinplatte hin eine dunkle Grotte, in der hinter rotglühendem Glase ein ewiges Licht brannte.

Hohe Akazien schatteten über diesen stillen Winkel und umhüteten die Andacht der Betenden, die hier zu allen Stunden vor dem Bilde des göttlichen Schmerzes ihr tiefes Erdenleid in das ewige Erbarmen zu bergen kamen. –

In diesen blühenden Winkel voll übersinnlicher Geheimnisse schaute Madlon aus dem andern Fenster ihres kleinen Heims, hier saß sie jeden Sonntag der Sommerzeit. Das ewige Licht schimmerte träumerisch. Die Glocken der frommen Stadt umläuteten ihre Seele. Der Gesang der betenden Wallfahrer nahm sie wie auf schweren Flügeln zu höheren Sphären, und der herbe Weihrauchduft löste alles Erdgebundene in ihr zu einer sanften, träumerischen Wehmut, in der alles Unreine ihrer vielfältig gemischten Natur von ihr abfiel und sie die köstlichen Augenblicke völliger Erlösung von sich selbst mit heißen Schauern der Andacht genoss. –

Mit der ganzen Kraft ihres überspannten Zustandes feierte sie an diesem Fenster alle Feste seligster Verschmelzungen mit dem Überirdischen und die Entzückungen der Hingabe an das Unbegreifbare des Übersinnlichen, die ihr Seele und Sinne bis zum Rande mit einer seltsam bittersüßen Wonne füllten.

Am liebsten wäre sie selbst mit wehenden Fahnen ihrer blühenden Frömmigkeit all den langsam zur Kapellenhöhe hinschleichenden Wallfahrern vorangeeilt, mit ihrer glockenreinen Stimme deren flügellahme Seelen emporreißend zu den glühenden Berauschungen ihres gotttrunkenen Glaubens. Aber die andere Seite ihres Wesens, die aus der subtilsten Empfindung eines tiefwurzelnden Schönheitsbedürfnisses heraus ihren Grundton hatte, aus dem ihr ihre Stärken und ihre Schwächen wuchsen, erlaubte ihr auch hier nicht, ihre Missgestalt den Augen der Menge preiszugeben, und so durchlebte sie die Ekstasen ihrer frommen Seele ebenso einsam wie die ihres sehnsuchtsschweren Blutes.

So kniete sie den sonntäglichen Vormittag in schier wollüstiger Demut an den Altären des Glaubens, von denen sie tiefgesättigt aufstand mit dem Gefühle, ohne jede Beschwerung über allen Abgründen der Erde hinzuschweben. –

Am Nachmittag aber schloss Madlon dieses Fenster. Sie ließ den Vorhang herunter, nahm leise und etwas verschämt den Schlüssel von der Gottestüre ihres Herzens, räumte Weihrauchduft und Gebetwonne, Andacht und Demut zart und behutsam in den Hintergrund ihrer Seele und ging mit festem Schritt zu dem zweiten Fenster, das auf der anderen Seite in eine andere Welt führte.

Hier webte und wogte ein gänzlich neues Bild. Hatte sie dort die Engelssüße des Meisters von Fiesole überschattet, brauste hier der tolle Rhythmus derben Überschwangs niederländischer Meister. Andere Register brachen lautere und härtere Töne in ihr auf, und das Wellenspiel ihres begehrlichen Blutes tanzte ungeduldig und sprühend über die straffgespannten Saiten ihrer Nerven.

Im Wirtshausgarten saß es dicht und voll von sonntagslustigen Menschen. Mädchen und Burschen nahe beieinander. Die Kellnerinnen drängten sich schwerbeladen zwischen Tische und Bänke durch. Der aufdringliche Geruch warmer Speisen und starker Getränke lag wie ein schwerer Brodem über dem Garten, strömte auf die Straße hinaus und mischte sich seltsam mit dem duftenden Sommerwind. Derbe Späße flogen hin und wider, Gläser klangen ineinander, und hier und da stiegen böse Worte und Gezänke wie Raketen in die linde, süße, blauende Luft.

Madlon saß am Fenster und las.

Ihre Damen versorgten sie mit Büchern, wahllos steckten sie ihr alles zu, was ihnen lästig geworden. Und Madlons rastlose Phantasie stürzte sich mit Heißhunger auf die gefährliche Beute.

Während des Lesens aber flogen ihre Augen immer wieder zur Straße und zum Garten hin. Das fortwährende Kommen und Gehen hatte etwas seltsam Aufregendes, und ihr Ohr lauschte gespannt auf das laute Tongewirr, das schmerzlich und erregend in ihre Gedanken hineinstieß. Sie fühlte es sofort, wenn ein besonders starker Blick zu ihr heraufzielte. Ein Augenaufschlag voll Triumph und Beglückung ging dann von ihr zu den fremden Augen hin, sie genoss eine Sekunde, die wie Frage und Antwort war, dann war wieder alles vorüber – aber es blieb ein köstlicher Augenblick voll Rausch und Wärme und wohliger Erregung.

So zwischen der dreifach aufreizenden Wirkung von lockenden Tönen, begehrlichen Blicken und den schattenhaft über sie hinhuschenden Gedanken des Buches, verlebte sie ihre Sonntagnachmittage in jener vibrierenden Atmosphäre spannender Unruhe, die sie bis zum Rande mit einer dauernden Erwartung anfüllte, für welche sie unklar und fieberhaft immerfort auf eine Erfüllung und Auslösung wartete, niemals wissend, ob sie ihr dort aus dem lauten Getöse des immer lauter werdenden Gartens, aus den lachenden Blicken der Vorübergehenden oder aus den aufpeitschenden Glutworten des Buches kommen würde.

Aber kommen musste etwas.

Das glaubte sie mit einer krankhaften Qual. Sie fühlte sich vergehen an dieser Qual. Die Kammern ihrer Seele waren zum Bersten voll von heftiger Lebenssehnsucht, von lockenden Gebilden ihrer übersteigerten Phantasie und dem wilden Begehren ihres rassigen Blutes, das durch das Kreuzfeuer des marternden Widerspruches zwischen ihrer auffallenden Schönheit und der furchtbaren Hemmung ihrer Auswirkung durch den so schmählich betrogenen Körper von einer besonderen Schärfe und fast perversen Bedrängnis durchsetzt war. –

Eines Sonntags war es. Ein sonnenschwüler Sommersonntagabend. Madlon saß wieder mit einem Buche am Fenster, das zum Wirtshausgarten schaute.

Es war spät geworden. Das Buch – es waren die Novellen Maupassants, die sich aus dem Boudoir einer ihrer vornehmen Damen zu ihr verirrt hatte – bebte leise in ihrer zitternden Hand. Der Wahnsinn der Leidenschaft, den dieser Dichter zu so ausschweifender Plastik zu gestalten weiß, umhüllte sie wie mit einer spröden Trockenheit, in der Nerven und Blut zu sprengender Spannung aufgebäumt waren.

Der schwüle Atem des Sommerabends drang zu ihr herein. Die derbe Lust im Garten füllte die Luft mit einer seltsam zügellos taumelnden Trunkenheit. Im Buche beugte sich eben ein fremder Mann zu einer fremden Frau, und beide gaben sich die kreisenden Träume ihres Blutes, ohne zu fragen, wer und woher. –

Da fühlte Madlon plötzlich den Strom eines Blickes auf sich gerichtet. Sie sah auf.

Gegenüber, an den Zaun des Gartens gelehnt, stand ein junger Mann. Gut gekleidet, schlank und feurig, und blickte zu ihr hin mit Augen, die mehr zu sagen hatten, als tausend Worte auszusprechen vermochten.

War das der Fremde, den sie eben in ihrem Buche erlebte, war sie die fremde Frau –

Wie unter einem Banne, fast willenlos und von einer seltsamen Kraft beherrscht, die von den Augen des Mannes zu ihr herströmte, erhob sich Madlon.

Sie ging wie schlafwandelnd zum Fenster, legte die Arme auf die Brüstung, neigte sich weit hinaus, den rufenden Augen entgegen. Einige Minuten blieben so die Blicke ineinander verkrampft. Ein wildes Hin und Her war zwischen ihnen. Ohne ein einziges Wort nahmen sich ihre Körper jäh und gewaltsam in Besitz.

Sekunden waren es nur, aber was bedeutet Zeit in der rasenden Rotation der Leidenschaft, in deren Schwingungen Ewigkeiten kreisen.

Es schien alles wie ein Traum.

Der Fremde riss sich mit einer zuckenden Bewegung aus seiner Versunkenheit, mit drei Schritten überquerte er die Straße.

Ein schneller Rhythmus erklang auf der Treppe. Die Türe öffnete sich, und wie der glutende Föhn Sturzbäche von den Bergen jagt, so stürzten die jagenden Wellen ihres Blutes zueinander.

Madlon fühlte die Aufgelöstheit aller schmerzhaft ertragenen Hemmungen in nebelhafter, wie in weiter Ferne von sich selbst erlebter Berauschung und Entzückung. Zugleich aber stand irgendwo klar und grausam das qualvolle Wissen, dass dieser eine, von langer Sehnsucht und wilden Träumen herbeigeborene Augenblick nie wieder zu ihr kommen würde. –

Als der Fremde gegangen war, blieb Madlon in trunkener Versunkenheit auf ihrem Lager. Stunde um Stunde verrann. Die Töne der Mitternachtsglocken glitten auf den Wellen der durchsichtigen, mondhellen Sommernacht zu ihr hin. Wie von einem purpurschweren Mantel leidvoller Süße umhüllt, bohrten sich ihre Gedanken stark wie ein loderndes Feuer in den einen kurzen, ewiglangen Augenblick, der alle schweigenden Brunnen des Lebens in ihr zu tanzender Seligkeit aufgestürmt hatte.

Ein Augenblick, der ihren Weg fortan begleiten würde als etwas Unverlierbares, etwas, das sie greifen und fassen und halten konnte als ihr Allereigenstes, der eingebrannt blieb in den Erinnerungen ihres Blutes, die sie wie zärtliche Kostbarkeiten im dunkelsten Schrein ihrer Seele hüten würde.

Gegen Morgen schlich sich Madlon leise vor das Haus. Am Ölberg, vor dem glühroten Licht der ewigen Lampe, sank sie schwer von glücksatter Ergriffenheit auf die Knie.

Ein trunkenes Beten und Stammeln und Danken war in ihr. Eine feine keusche Scham, die aber mit sanftem Lächeln sich selbst auslöschte. Und eine tiefe, stolze Dankbarkeit, dass jener köstliche Augenblick rein geblieben war von jeder demütigenden Erinnerung an die unheilbare Schwermut, mit der die Missgestalt ihres Körpers sie immerfort erfüllte.

Diesen einen Augenblick eines vollen Triumphes ausgekostet zu haben, ließ sie wie von einer fernen Höhe mit zärtlicher Nachsicht auf ihren armen Körper herabblicken, den ihre sieghafte Schönheit im Feuerspiel der Leidenschaft überwunden, gleichsam eine göttliche Ewigkeit entlang gänzlich vernichtet hatte.

Mittwoch, 5. Oktober 2022

Himmel und Erde

 Elisabeth Dauthendey

Himmel und Erde

In der süßen blühenden Maienzeit ihres Lebens, da alle sprossenden Knospen der Seele zur Sonne lechzen, alle brennenden Träume um ein seltsam Fernes und Seliges kreisen und alle weitwache Sehnsucht nach dem lockenden Ungreifbaren sich aufreckt, war sie Nonne geworden.

Sie hatte die Insel der Seligen erreicht, nach der die Träume ihrer Nächte gegriffen hatten. Aus den Wirrnissen des Alltags kommend, zu denen sie nie eine rechte Stellung hatte finden können, war es nun wie eine Erlösung, der großen Stille, dem heiligen Schweigen gegenüberzustehen. In der geheimnisbeladenen Einsamkeit nur den einen Weg vor sich zu wissen, der zu den goldnen Altären des Gebetes und zu den schmerzlich seligen Höhen der Opferung führte.

Sich opfern und hergeben. Wund sein an sich selbst, das Herz schwer von Demut und Liebe zu Einem, der über allem Irdischen jene weiten Tore öffnete, die in eine Welt der seltsamen Schauer, Erschütterungen und Verzückungen führten – diese heimliche lechzende Sehnsucht ihrer keuschen Seele, die, noch unbewußt der Macht ihres blühenden Körpers, sich ihr eigenes Reich baute und ahnungslos über den Gefilden seiner erdhaft gerichteten Strahlungen zu der dinglosen Welt übersinnlicher Ekstasen aufflog. Diese heimliche lechzende Sehnsucht ward ihr nun erfüllt.

Schwester Serapha.

Wuchsen ihr nicht Flügel aus diesem himmelhoch tragenden Namen. Ward nicht ihr Leben plötzlich nur noch ein Schweben. Keine Erde mehr unter ihren Füßen. Keine Finsternis mehr um sie her. Tag und Nacht, ein strahlendes Lichtopfer an den goldnen Altären ewiger Anbetung!

Alles wurde leicht in ihr. Die schwersten Pflichten ihres neuen Amtes trug sie lächelnden Herzens wie duftende Rosenketten. Ihre Seele glühte purpurrot wie das ewige Licht vor den heiligen Altären. –

Die älteren Nonnen sahen erstaunt in die leuchtende Pracht dieser gottblühenden Magd.

Einige, schon etwas Ermüdete, entzündeten sich neu an der brünstigen Fackel dieser weihrauchschweren Andacht.

Noch Müdere blickten scheu und schuldig auf sie hin. Jene aber, die am Ende des Opferweges gingen, hatten ein leises, welkes Lächeln, das wie ein Schatten über die verstummten Lippen huschte.

Die Seniorin des Klosters aber sah mit seltsam strengen Augen auf diese Gotteslilie und schüttelte oftmals das greise Haupt und seufzte.

Schwester Serapha merkte von all dem nichts.

Konnte man jemals müde werden an diesem schwingenden Beben der Seele, diesem jubelnden Singen des Herzens, dieser schwellenden Betäubung des ganzen Wesens? –

Und einer blieb wahrhaft entzückt vor diesem lieblichen Wunder.

Der alte Priester der Klausur.

Seine frommen Augen berauschten sich an dieser steil zum Himmel aufglühenden Gottesflamme. Wenn auch sein allzu wissendes Herz ein Weh dabei empfand.

Wie manche schon hatte er in solch ekstatischer Gotteswonne über diese heilige Schwelle treten sehen, und was war daraus geworden? Die bittre Antwort lag täglich vor ihm ausgebreitet auf den müden, leeren, ausgebrannten Gesichtern ringsum, denen er immer wieder neue Kraft zu spenden und immer wieder die gleichen welken Sünden zu vergeben hatte.

Trotzdem aber erquickte es ihn immer von neuem, wenn eine frische, reine Kerze auf dem Altar zum Himmel lohte. –

Denn verloren war solch reines Gottesglühen nie, es gab der Jungfrauenseele einen überirdischen Glanz und Schimmer, unverlierbaren Reichtum, – Seligkeiten ohnegleichen – wenn –. Ja wenn.

Auch dieser würde er das erlösende Wort sagen, das er all jenen Ermüdeten gesagt hatte, wenn ihre Stunde gekommen wäre. Würde diese die Kraft haben, daran zu einem neuen Leben zu erwachen, wenn die Durchgangswehen ihrer, aus jähen Gluten empfangenen Seele von ihr abfielen und sie das wahre Antlitz ihrer selbst erkannte?

Das wahre Antlitz ihrer selbst, das, plötzlich schleierlos geworden, den Blick zur blühenden Erde senkte und wissend ward um die missverstandenen Flammen ihres erdgebundenen Blutes. –

Wie oftmals schon hatte er dies Wort gesagt.

Die Gebundene lösen wollen von dem Eide gegen sich selbst, der, nun eine Lüge und Last geworden, an den feinsten Dingen ihres Wesens zehrte und seine Wurzeln zerstörte, seit die Ekstasen des jungen schäumenden Blutes an den antwortlosen Ufern des allzu fernen Jenseits verrauscht waren. Aber keine der Lastbeladenen hatte mehr die Kraft gefunden, sich der schmerzhaften Bürde zu entladen. Keine den schwingenden Mut in sich entzündet, an dem sich tausend neue Leben hätten entflammen können.

In der dumpfen Müde ausgelebter Illusionen, in der grauen Dämmerung verlöschter Himmelslichter wollten sie lieber weiterschleichen all die altgewordene Zeit hindurch, bis zur Schwelle des letzten Schweigens, so ganz war alle Lebensspannung in ihnen zusammengesunken, so ganz war alles zu Asche und Schutt erloschen, was im Übermaß des gotttrunkenen Rausches ihrer blühenden Jugend sie in taumelnden Entzückungen zu dieser heiligen Schwelle getrieben.

Würde auch diese so verlöschend am Boden liegen?

Er wartete und lauschte auf ihre Stunde.

Und ihre Stunde kam.

Plötzlich lag es wie ein dichter Nebel über ihrer glühenden Andacht. Dehnte sich eine weite Leere um sie her. Die blühenden Gottesgärten waren verschwunden, und ihre Seele lag nackt und hilflos im brennenden Sande einer schreckvollen Wüste. Ihre Sinne hatten den Flug zur Höhe verloren und empfanden nun in jähem Umschwung die erdhafte Nüchternheit der Dinge umher. Alle Ströme der Gnade waren versiegt, die himmlischen Heerscharen, mit denen sie bisher so nahe und innige Zwiesprache gehalten, blieben der Erde entrückt, in die unfassbare Ferne der Ewigkeit zurückgenommen, aus welcher auch das von wildester Not durchbebte Gebet sie nicht mehr heranzuzwingen vermochte.

Verstört und verwirrt starrte die junge Nonne in dieses unentwirrbare Chaos, an das sich ihr ganzes Wesen verloren und das sie in die Grenzenlosigkeit des Nichts auflösen zu wollen schien.

Mit der letzten Kraft ihrer entgötterten Seele hüllte sie sich von Kopf bis zu Füßen in das Dornengewand der Reue und Buße und, von Demut und Zerknirschung bis in die letzten Fasern zermürbt, warf sie sich dem Priester zu Füßen.

Dieser, im milden Leuchten seiner wissenden Güte, legte ihr die segnenden Hände auf die brennenden Wundmale, und mit der stillen Weisheit der Liebe griff er in die geheimnisvolle Tiefe ihres Leides, da wo die Wurzeln ihrer Kräfte verknotet und verdorrt in ihrem krank gewordenen Boden ruhten. Und seine Stimme, beladen mit allen Gnaden der ewigen Wahrheit, durchdrang die erschütterte Seele und richtete langsam Wort um Wort ihre zerstörte Schönheit wieder auf. Und leise hob ein neues Blühen an. Tag um Tag weitete sich dieses Blühen und bedeckte den dürren Sand der Wüste allmählich mit einer neuen fremden Pracht, und in einer seltsam feierlichen Stunde schlug die junge Nonne die Augen auf und sah die Erde von jener Göttlichkeit der Schönheit und Seligkeit bedeckt, die sie bislang hoch über ihr in weiten Fernen gesucht hatte.

– Siehe – sagte der Priester – gleichwie der leuchtende Regenbogen für einen seligen Augenblick den Himmel mit der Erde bindet –

Siehe – so bindet die Liebe von Mann und Weib den Himmel ihrer Herzen an die Erde ihres Blutes, dass sie sich selbst und Gott erkennen.

Lass deine Kräfte neu erblühen und wende dich zum Leben, heilige die Erde in dir durch die Liebe, so wird der Himmel zu dir kommen und in dir sein, und du brauchst ihn nicht über den Wolken zu suchen. Des Himmels Gnadenfülle zu ertragen, geht den Sterblichen meist über ihre Kraft, und nur ganz selten ist ein Begnadeter dieser seligen Last gewachsen.

Du aber brauchst Erde unter deinen Füßen –

Geh, mein Kind, ich entbinde dich deines Gelübdes –

Möge das Weh der Erde dir leicht sein. –

Und die Nonne Serapha fand die Kraft, ihren heiligen Namen am Altar wieder in Gottes Güte zurückzugeben.

Ihre Füße fanden allmählich die festen erdruhenden Schritte, ihre Hände den sichern Griff zu den Dingen des Alltags, ihre Augen erblühten im tiefen Erschauen der unerschöpflichen Schönheitsfülle, die im Diesseits der Welt wie in einem Spiegelbilde die Herrlichkeit des Jenseits widerstrahlt und durch ihre Nähe und Greifbarkeit dem Menschen gleichsam ein Stück der Gottheit fühlbar in die Hände gibt.

Sie ging einher, ein Mensch unter Menschen. Alles Flammende in ihr gereinigt und durchseelt von der Lauterkeit des keuschen Liebesdienstes zu den Füßen der Gottheit. Und als sie an dem goldenen Becher der Lust, den die Minne des Lebens dem schwer beladenen Pilger der Erde zu Labsal und Aufschwung zu reichen hat – sich von seligsten Berauschungen erdenthoben zu den Gefilden paradiesischer Entzückungen fortgerissen fühlte, blieb ihr, umhüllt vom flammenden Purpurmantel der glühenden Mannesleidenschaft, in der letzten ruhenden Stille ihres Wesens die reine, schattende Kühle der gottdurchwehten Andacht, dass sie wie ein kristallner Kelch den glühenden Odem des Lebens in sich aufnehmen konnte, ohne jede Versehrung der heiligen Schwelle, an der Mensch und Tier sich einen kurzen gefährlichen Augenblick begegnen, jener kurze, von hinreißenden Seligkeiten beladene, von tödlichen Entscheidungen umflammte Augenblick, der Mann und Weib zu allen Himmeln und Höhen tragen und halten kann – oder sie für immer an die giftschwangeren Niederungen des Nur-Erdenhaften bindet. –

Und als das Kindlein geboren war, blühte Frau Marias Angesicht in jener unirdischen Menschenschöne, wie sie die Meister langer Zeiten in ihren Bildern in kniender Ehrfurcht vor der rührenden Keusche des Mysteriums des Weibes über die Erde hingestreut haben. Des uralten ewig jungen Mysteriums des Muttertums, in dem Himmel und Erde sich immer wieder neu verbinden, um immer wieder das süßeste aller Wunder – das Kind, zu erzeugen.

Freitag, 30. September 2022

Das Kind

 Elisabeth Dauthendey

Das Kind

Das Kind saß auf einer Bank.

Mitten im Sonnenblust des blühenden Schlossgartens.

Es blickte versonnen vor sich hin.

Die flimmernden Sonnenwellen, die schweren Düfte und leuchtenden Farben der üppigen Blumenbeete umher umhüllten seine zarte, noch unerwachte Seele mit seltsam fremden Bildern. Umspannten es mit flatternden Traumfäden, die sich irgendwo an sein Denken und Fühlen anhängen wollten. Aber da alles in ihm noch so ungeschlossen und allzu bereit wie frisch aufgebrochene Frühlingserde war, fanden sie nichts Haltendes darin. Und so blieben sie nur ein lindes Schwingen von Licht und Schatten und Düften. So gleichsam in einem doppelten Traumkreis verfangen, schwamm des Kindes Seele wie ein Rosenblatt auf den heißen Wellen des ringsum blühenden Lebens umher.

Schlank und zart und lieblich war alles an ihm gebildet.

Das seidenweiche Blondhaar lag schlicht um das feine Gesicht. Die großen, schimmernden Augen waren voll Lauschen und Suchen und Erwarten. Die zart geschwungenen Lippen etwas geöffnet und von einer leisen Traurigkeit umspielt. Die schmalen, blassen Hände lagen lässig im Schoß, die Schultern neigten sich ein wenig wie unter einer unsichtbaren Last. Es war nichts Fröhliches um das Kind.

Seine Kleidung gut und sauber, aber nichts von dem flatternden Tand daran, womit glückliche Hände ihre Lieblinge schmücken. Ein frühreifer Ernst lag ihm auf der Stirn, der seltsam und fast beängstigend die träumerische Versonnenheit dieser kindlichen Reine umschattete.

Aber trotz all diesem Zwiespältigen oder vielleicht gerade um dessen willen, war es von einem seltsam sinnlichen Reiz umblüht. –

– Resa –

Das Kind schrak zusammen. Konnte aus seiner traumhaften Verlorenheit sich nicht gleich zurechtfinden und blickte hilflos um sich. Aber zugleich mit dem Rufe war es automatisch aufgesprungen. Man fühlte es dieser spontanen Bewegung an, dass es an allerstrengsten Gehorsam gebunden war.

Auf einer entfernteren Bank saß die Kinderfrau neben dem Kinderwagen, in dem blütenzart umhüllt das jüngste Brüderchen lag.

– Beweg' dich ein wenig – sagte die Kinderfrau, da hast du etwas für die Goldfische im Teich. –

Resa nahm das Brot und ging langsam in die schattendunklen Laubgänge hinein.

Ihr Gang hatte nichts von der federnden Erregbarkeit des Kindes, es lag etwas Müdes, von Gedanken Beschwertes in ihrem versonnenen Schreiten. Es fehlte die tragende Schwebung des Gleichgewichtes zwischen Körper und Seele. Etwas Überreifes lag wie ein schmerzlicher Hauch über Stirn und Augen, dem die Zartheit der Glieder nicht gewachsen schien. Soviel Drängen und Fragen schwirrten durch des Kindes Denken und Fühlen. Die Umwelt war ihm ein furchtbares Chaos von antwortlosen Dingen und wirrem Geschehen. Keine liebende Hand baute ihm die heiteren Brücken, welche die Seele aus ihrem langsamen und schweren Erwachen mit Spiel und Tanz zu den Tälern der Menschen führen.

Die Muttergüte fehlte seinem Leben.

Härte und Strenge führte es auf engen, dunklen Straßen.

Und all der köstliche Reichtum seiner unendlichen Begabungen lag wie eine Last auf ihm und welkte an den stumpfen Wegen, die man es zu gehen zwang.

So blieb ihm nur der Traum seine Zuflucht.

Ein Warten und Lauschen auf Kommendes und Fernes, das wie ein Licht käme von irgendwoher und all die Dämmerungen zerbräche, die wie eine Mauer vor ihm standen, aus der es keinen Ausgang fand. –

Resa kam an den Fischteich. Achtlos warf sie das Brot hinein in automatischem Gehorsam der nachwirkenden Worte der Kinderfrau.

Die Fische interessierten sie nicht.

Sie blickte zu der gewaltigen Steingruppe in der Mitte des Brunnens, wo ein mächtiger Triton auf einem Delphin saß und mit vollen Backen auf einer Seemuschel blies, hinter ihm auf einem erhöhten Felsen lehnte eine Frau, deren Leib in einen breiten Fischschwanz endete, in ihrer Hand hielt sie einen zappelnden Fisch, mit dem sie lachend zu sprechen schien.

Ob das die Seejungfrau ist, dachte Resa, denn sie trug eine Unzahl von Märchen mit sich herum, aber wo ist der Prinz und das alte Meerweib? –

– Das sind merkwürdige Leute – sagte da eine Stimme neben ihr, und eine Hand legte sich auf ihre Schulter.

Es war eine knochige, unangenehme Hand. Resa schob unruhig mit der Schulter und hätte sie am liebsten weggestoßen. Als sie aufblickte, sah sie in ein altes Männergesicht, das mit seltsam lachenden und doch bösen Augen zu ihr heruntersah. Da wagte sie nicht, die Hand wegzustoßen, alten Leuten musste man gehorchen.

– Ist das die Seejungfrau? – fragte sie, nur um von der Stille umher und den Augen des Mannes, die ihr angst machten, loszukommen.

– Schon möglich – da unten im Wasser lebt allerlei sonderbares Volk, und wenn es herauskommt an das Licht, wird es zu Stein und kann nie mehr hinunter zu den andern. –

Resa beugte sich suchend über den Rand des Brunnens.

– Ah, die sieht man nur bei Nacht –, sagte der Mann und nahm die kleine Hand des Kindes und führte es zu den breiten Steinstufen, die zu den oberen Terrassen aufstiegen, und deren Rampen von unzähligen Steinfiguren besetzt und belebt waren.

– Schau, wie viele da schon heraufgestiegen sind – ja, das sind neugierige Leute, und nun müssen sie immer da oben bleiben und möchten sicher wieder gerne unten sein, wo es blau und golden ist von Perlen und Edelsteinen. –

Nun lag die kleine, nervös zuckende Hand in der des Mannes. Resa litt unter dem festen, kalten Griff, aber sie wagte nicht, sich loszumachen. Oben auf den Terrassen brütete die Sonne heiß und schwer. Der Mann setzte sich auf eine Bank und zog das Kind zu sich heran.

Ernst und fragend waren die scheuen Augen des Kindes auf ihn gerichtet. Durch diese Augen blickte man in die seltsam geheimnisvolle Tiefe einer Seele, die voll Rätsel war.

Aber den Mann fesselten diese Rätsel nicht. Er suchte die geheimen Reize dieses feinen, zärtlichen Körpers zu ergründen. Eine Freude wollte er über ihn hingehen sehen, ein Aufblühen, das ihm die verborgene Schönheit enthüllte.

Und es gelang ihm.

Er griff mitten in das Fernweh dieses unerschlossenen Wesens hinein.

– Sieh den blauen Himmel –, sagte er. Wie hoch, wie blau ist er, ist er nicht wie blaues Glas, durch das man hindurchsehen kann? Und denke dir nun, dass unten das Meer weit und lachend daliegt, und es ist ebenso blau wie der Himmel oben, und die Wellen tanzen zum Ufer hin und singen leise. Am Ufer liegt eine große, reiche Stadt voll hoher Türme und Häuser mit goldnen Dächern, Leute in bunten Kleidern gehen spazieren am Meere entlang; welche fahren in herrlichen Karossen, und auf dem blauen Wasser schaukeln kleine weiße Schiffe, darinnen sitzen schöne Prinzessinnen und winden Kränze aus den bunten Blumen, die am Ufer blühen –

Des Kindes Augen leuchteten.

Ein banger Seufzer hob seine zarte Brust, der feine Mund bebte, und eine leise, blumenhafte Röte flog ihm über das Gesicht.

Von einer Sehnsucht ergriffen, die wie Erlösung auf alles Wartende in ihm war, brach unter dem Aufruhr des Blutes alles Hemmende zusammen, ließ alles Schlummernde erblühen. Der Mann sah, was er gesucht hatte. In ihm entzündete sich langsam ein heimliches Glimmen.

– Möchtest du das alles sehen? – fragte er.

– Oh – sagte das Kind, und dieser Laut war so voll Verrat alles dessen, was seine Innenwelt fesselte und quälte, dass der Mann fast erschrak vor der dunklen Glut, die jäh aus diesem einen Tone brach.

– Dort wohne ich – willst du mit mir dorthin reisen? –

– Reisen –, sagte das Kind. Das blaue Meer und eine goldne Stadt – und seine Stimme bebte, und die kleinen, stillen Hände zitterten wie Frühlingsblätter im Winde.

– Soll ich dir noch mehr erzählen? – sagte er, stand auf, nahm ihre kleine zitternde Hand und führte das Kind hinaus zur höchsten Terrasse des Parkes an eine einsame Stelle, die er kannte.

– Soll ich dir erzählen –

– Ja –, sagte das Kind, und seine Augen schauten groß und hungernd und dürstend zu ihm hin.

Da griff er es plötzlich mit packenden Armen, hob es hoch auf, nahe zu seinem Munde –

– Küsse mich – dann erzähle ich dir noch tausendmal schönere Dinge – küsse mich. –

Sein schwerer Atem flog dem Kinde heiß über das Gesicht. Es blickte starr und schreckvoll in die lodernde Glut der wild aufgerissenen Augen.

Was war das?

Wieder eines jener furchtbaren Dinge, die es nie begreifen würde.

Musste es gehorchen, und immer?

Was alte Leute taten, war immer gut.

Fragen, Aufruhr, ein fernes Unbegreifliches ging im Taumel durch die gespannte willenlose Kinderseele.

Eine Sekunde lang war es, als neige sich das liebliche Haupt wie eine welke Blume zu dem rohen Munde des Mannes – seine Hände glühten, die Augen lachten in wildem Triumph –

Da – was kam über das Kind –

Das ferne Unbegreifliche war plötzlich ganz nahe in ihm selbst. Etwas brach da auf wie ein Strahl aus einem tiefen Brunnen, der ihm jäh und heiß durch das kühle, schlummernde Blut aufsprang und eine Scham und einen Ekel in ihm erweckte, dessen Ursprung und Verbundenheit mit ihm selbst ihm gänzlich unbegreifbar war, aber eine Kraft und ein Wollen auslöste, gegen die es keinen Widerstand gab.

Das zarte, stille Kind stieß mit voller Wucht seinen Fuß gegen die Brust des Mannes, dass er es verblüfft und wütend aus seinen Armen zur Erde gleiten ließ. –

– Bist du verrückt –, sagte er. –

Aber das Kind hörte und sah nichts mehr.

Auf zitternden Füßen flog es davon.

Raste die Treppe hinab durch die Laubgänge, kroch atemlos und bebend unter die weiten, hangenden Blütenäste eines Baumes, lehnte sich an den moosigen Stamm und horchte auf die schweren Schläge seines kleinen verängsteten Herzens.

Hatte es etwas Böses getan?

Einen alten Mann getreten.

Eine rote Scham flog ihm durch das zitternde Blut.

Aber es war noch etwas anderes.

Eine andere Scham, durch die es sich dunkel in eine Schuld verstrickt fühlte, ohne nur im geringsten zu begreifen, was es sei, ob es in ihm war oder von dem Manne kam. Ob er etwas Böses gewollt? Aber alte Leute waren doch nie böse, nur Kinder konnten es sein –.

Und mit einem neuen Rätselhaften beladen, trug das Kind seine kleine vereinsamte Seele ein Stück weiter durch das große unbegreifliche Leben.

Himmel und

Samstag, 24. September 2022

Frühlingstrunkenheit

 

Elisabeth Dauthendey

Frühlingstrunkenheit

Hast du den Frühling je im Walde gesehen?

Die berauschenden Feste belauscht, welche die Sonne ihrem Lieblinge dort bereitet?

Alle Teppiche nahm sie aus der winterlichen Kammer. Breitete den smaragdnen Samt über die warme, pochende Erde. Griff tief in die Truhen ihrer Schatzkammern und streute mit vollen Händen sanfte Perlen und leuchtendes Edelgestein darüberhin, dass alle Farben ihre süßen Lockungen entflammten.

Die graue Himmelskuppel warf sie mit brennender Ungeduld weit hinauf, dass sie wie ein Dom sich über die wartende Erde spannte, und alle seidene Bläue, die in der Herbstkammer dieser Feierstunde gewartet, hing sie über diese Kuppel hin, dass die tiefe blauende Pracht wie ein Tanz von Licht und Glanz über die Erde hinflog.

Ein heimliches Grüßen ging zwischen dieser seidenen Bläue des Himmels und dem grünen Gold der schimmernden Waldbäume hin und wieder. Mit lindem Flüstern strich der junge laue Wind durch die zärtlichen Blätter, die licht und durchsichtig aufstrahlten, wenn die schwirrenden Pfeile der Sonne sie trafen.

Und hörtest du je das Lied der zagen, schwellenden Sehnsucht, die aus tausend liebestrunkenen Kehlen den weiten prunkenden Hochzeitssaal des neu erwachten Waldes erfüllt?

Voll flehender Erwartungen steht alles bereit.

Bereit für alle glühenden Erfüllungen, die er, der nahende Erlöser, der bräutlich bebenden Erde bringt.

Die Sonne hat ihm das Liebesbett bereitet.

Und selig schreitet er über die Schwelle all der geheimen Kammern, in denen tausend Türen ihm weit offenstehen, tausend Lippen auf den zeugenden Kuss seiner segnenden Flammen warten.

So steht der Wald.

In Frühlingstrunkenheit versunken.

Ein Märchenzauber, für den kein Dichter je das Wort gefunden, um das zu sagen, was sich nur schauen lässt.

Nur schauen, fühlen und sich wandeln.

Eins werden mit dieser göttlichen Berauschung.

Aufgelöst in das All, selbst eine Hochzeitskammer sein und sich vom segnenden Kusse der zeugenden Flammen überströmen lassen – das nur bleibt dem Sterblichen, wenn zufällig ihn seine Schritte zu diesem Tempel der Wunder tragen. Wenn anders er vor der überseligen Macht dieser unerhörten, nie auszusagenden Himmelssüße nicht zusammenbrechen soll unter der betäubenden Last aller aufgerissenen Brunnen seiner heimlichen Ahnungen und Sehnsüchte.

Und der Zufall hatte die beiden herzugebracht.

Mitten im goldenen Grün der flüsternden Waldbäume. Wo die lichttrunkenen Blätter mit den lachenden Sonnenkreisen in schwanken zarten Tänzen schweben, trafen sich ganz plötzlich ihre Blicke.

Denn leise und versonnen waren sie über diese hochzeitliche Schwelle getreten. Jedes sich allein wähnend.

Allein mit ihren pochenden Herzen.

Ihrem schwellenden Allgefühle.

Du – sagte er. Und seine Stimme war wie das lockende Lied der Nachtigall.

Du – antwortete sie. Und ihr Atem spielte wie der linde Morgenwind auf der Harfe ihrer bebenden Glieder.

Sie hatten sich noch nie gesehen.

Wer du – wer ich –

Wie weit war all dies Fragen von ihnen.

Der Gott, der auf schwingenden Sohlen durch die keusche Stille all dieser glühenden Erwartung schritt, nahm milde lächelnd ihre Herzen und führte ihres Atems Wellen zueinander.

Dass sie gesegnet und erlöst sich erkannten als ein selig Teil von Erde und Wald, von Vogelsang und Sonnenleuchten. Ein selig Teil all der unerhörten, nie auszusagenden Pracht der Frühlingstrunkenheit, die für einen kurzen göttlichen Augenblick alle Gnaden des Paradieses über die verarmte Menschheit ausschüttet.

Dass sie an ihr genese.

Dienstag, 20. September 2022

Madame Storey mischt sich ein

 Madame Storey mischt sich ein

von

Hulbert Footner


Um sich von den Strapazen der enormen Publicity zu erholen, die auf ihren Erfolg im berühmten Fall des Smoke Bandit folgte, zog sich Mme. Storey für ein paar Tage in das Haus ihrer engen Freunde, der Andrew Lipscombs, zurück, die in den Hügeln von Connecticut weit weg von allen Nachbarn lebten. Ich begleitete meine Arbeitgeberin, da sie darauf bestand, dass ich ebenso wie sie Urlaub brauchte.

Wir schlossen einfach unsere Büros ab und verließen das Haus, während das Telefon klingelte, sich die Post stapelte und sich die Horden von Neugierigen vor der Tür tummeln konnten, wie sie wollten. Wir nahmen an, dass wir den Ort unseres Rückzugs vor allen geheim gehalten hatten, aber diese schöne Hoffnung wurde bald enttäuscht. Spät in der Nacht unserer Ankunft, als wir mit unseren Freunden in der gesegneten Ruhe ihres Hauses Bridge spielten, wurde meine Arbeitgeberin zum Telefon gerufen.

Sie kehrte an den Kartentisch zurück mit dem ernsten, abwesenden Blick, den ich so gut kannte, ihrem Arbeitsblick, und mein Herz sank.

"Nun, Bella, wir haben einen weiteren Fall", sagte sie.

Ich legte meine Karten weg. Es war natürlich sinnlos, zu protestieren.

"In Fremont-on-the-Sound hat es einen schrecklichen Vorfall gegeben", fuhr sie fort. "Ein Gentleman wurde in seinem Arbeitszimmer erschossen aufgefunden und ein junges Mädchen wurde verhaftet. Der Mann, der mich angerufen hat, offensichtlich der Liebhaber des Mädchens, hat mich gebeten, zu kommen und zu versuchen, sie zu befreien. Seine Stimme, die durch den Hörer drang, hatte etwas Außergewöhnliches: jung und männlich, erschüttert von Trauer und Aufregung, aber auch stolz und zuversichtlich auf sein Mädchen. Ich sagte, ich würde sofort hinfahren."

"Mord?", sagte Mr. Lipscomb erschrocken, "und das so nahe bei uns? Wer ist ermordet worden?"

Dienstag, 13. September 2022

Ein toter Finger

 Ein toter Finger

von

Sabine Baring-Gould

Kapitel I


Warum die National Gallery nicht so viele Besucher anzieht wie beispielsweise das British Museum, kann ich mir nicht erklären. Letzteres enthält nicht viel, was, wie man annehmen könnte, das Interesse des gewöhnlichen Besuchers weckt. Was weiß man schon von prähistorischen Feuersteinen und zerkratzten Knochen? Von assyrischen Skulpturen? Von ägyptischen Hieroglyphen? Die griechische und römische Bildhauerei ist kalt und tot.

Die Gemälde in der National Gallery leuchten vor Farbe und sind voller Leben. Doch irgendwie schlendern ein paar lustlose Wanderer gähnend durch die National Gallery, während Schwärme durch die Säle des British Museum strömen und über die dort ausgestellten Objekte sprechen und Bemerkungen machen, von deren Datum und Bedeutung sie nicht die geringste Ahnung haben.

Ich dachte über dieses Problem nach und versuchte, es zu lösen, als ich eines Morgens im Saal für englische Meister in der großen Sammlung am Trafalgar Square saß. Zur gleichen Zeit drängte sich mir ein anderer Gedanke auf. Ich war durch die Räume gegangen, die den ausländischen Schulen gewidmet waren, und war dann in den Saal gekommen, der Reynolds, Morland, Gainsborough, Constable und Hogarth gewidmet war. Der Morgen war eine Zeit lang günstig gewesen, aber gegen Mittag hatte sich ein dichter, bernsteinfarbener Nebel gebildet, der es fast unmöglich machte, die Bilder zu sehen und ihnen gerecht zu werden. Ich war müde, setzte mich auf einen der Stühle und dachte erstens darüber nach, warum die National Gallery nicht so beliebt ist, wie sie sein sollte, und zweitens, warum die britische Schule keine Anfänge hatte, wie die italienische und die niederländische. Wir können die Kunst des Malers von ihren ersten Anfängen auf der italienischen Halbinsel und bei den Flamen sehen.

Dienstag, 30. August 2022

MENINGITIS UND IHR SCHATTEN

 MENINGITIS UND IHR SCHATTEN von

Horacio Quiroga


Was zum Teufel bedeutet der Brief von Funes und das Gespräch mit dem Arzt? Ich gestehe, dass ich kein Wort davon verstehe.

Hier sind die Fakten. Vor vier Stunden, um 7 Uhr morgens, erhalte ich eine Karte von Funes mit folgendem Wortlaut:

Lieber Freund:

Wenn Sie keine Einwände haben, bitte ich Sie, heute Abend zu uns zu kommen. Wenn ich Zeit habe, werde ich zuerst zu Ihnen kommen. Mit freundlichen Grüßen

Luis María Funes_.

Hier hat meine Überraschung begonnen. Soweit ich weiß, wird niemand um sieben Uhr morgens zu einem angeblichen Gespräch am Abend eingeladen, ohne dass es dafür einen triftigen Grund gibt. Was kann Funes von mir wollen? Meine Freundschaft mit ihm ist eher vage, und was sein Haus betrifft, so war ich nur einmal dort. Übrigens hat er zwei ziemlich süße Schwestern.

Ich bin also neugierig. So viel zu Funes. Und siehe da, eine Stunde später, gerade als ich das Haus verlasse, trifft Doktor Ayestarain ein, ein anderer Kollege, mit dem ich auf der nationalen Schule zusammen war und zu dem ich aus der Ferne die gleiche Beziehung habe wie zu Funes.

Und der Mann spricht mit mir über a, b und c und kommt zum Schluss:

-Mal sehen, Durán: Sie verstehen sehr gut, dass ich nicht zu dieser Stunde zu Ihnen gekommen bin, um mit Ihnen über Unsinn zu reden, nicht wahr?

-Ich denke schon", konnte ich nicht anders als zu antworten.

-Es ist klar. Sie werden mir also eine Frage erlauben, nur eine Frage. Was auch immer daran indiskret ist, ich werde es Ihnen sofort erklären, wenn Sie es mir erlauben.

-So viel Sie wollen", antwortete ich freimütig, wobei ich mich gleichzeitig in Acht nahm.

Ayestarain sah mich dann lächelnd an, so wie Männer sich gegenseitig anlächeln, und stellte mir diese verrückte Frage:

-Welche Neigung empfinden Sie für María Elvira Funes?

Maria Elvira Funes, die Schwester von Luis Maria Funes, ganz in Maria! Aber ich kannte die Person kaum! Kein Wunder also, dass sie den Arzt ansah, wie man einen Verrückten ansieht.

-Maria Elvira Funes", wiederholte ich, "kein Abschluss, keine Neigung.
Ich kenne sie kaum. Und jetzt...

-Nein, gestatten Sie", unterbrach er mich, "ich versichere Ihnen, dass es sich um eine sehr ernste Angelegenheit handelt... Könnten Sie mir das Wort eines Begleiters geben, dass zwischen Ihnen beiden nichts ist?

-Aber Sie sind verrückt", sagte ich schließlich, "nichts, gar nichts! Ich kenne sie kaum, das sage ich Ihnen, und ich glaube nicht, dass sie sich daran erinnert, mich jemals gesehen zu haben. Ich habe eine Minute mit ihr gesprochen, sagen wir zwei, drei, in ihrem eigenen Haus, und nicht mehr. Ich habe also, ich wiederhole zum zehnten Mal, keine besondere Vorliebe für sie.

-Es ist seltsam, zutiefst seltsam", murmelte der Mann und starrte mich an.

Ich begann, den Arzt als lästig zu empfinden, da er, so bedeutend er auch war, ein Gebiet betrat, mit dem sein Aspirin nichts zu tun hatte.

-Ich glaube, ich habe jetzt das Recht....

Aber er hat mich wieder unterbrochen:

-Ja, Sie haben das Recht auf Freizeit.... Wollen Sie bis heute Abend warten? Mit zwei Worten können Sie verstehen, dass die Angelegenheit alles andere als ein Scherz ist... Die Person, von der wir sprechen, ist schwer krank und steht kurz vor dem Tod... Verstehen Sie etwas?", schloss er und sah mir direkt in die Augen.

Ich habe eine Zeit lang dasselbe mit ihm gemacht.

-Kein einziges Wort", antwortete ich.

-Ich auch nicht", zuckte er mit den Schultern, "Deshalb habe ich Ihnen gesagt, dass die Sache sehr ernst ist... Heute Abend werden wir endlich etwas wissen. Werden Sie hingehen? Sie ist unverzichtbar.

-Ich werde gehen", sagte ich und zuckte mit den Schultern.

Und deshalb habe ich den ganzen Tag damit verbracht, mich wie ein Idiot zu fragen, welcher Zusammenhang zwischen der schweren Krankheit von Funes' Schwester, die mich kaum kennt, und mir, der sie kaum kennt, bestehen könnte.

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