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Stille Botschaften: Ein Büroabend in Gedanken, Schatten und Ritualen

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Stille Botschaften: Ein Büroabend in Gedanken, Schatten und Ritualen Arbeitsalltag als letzter im büro Die Stille hier wusste mehr über mich, als ich mir in Ruhe eingestehen wollte: sie kannte meine unnötigen Gewohnheiten, die Art, wie ich den Stift zwischen den Fingern drehte, und dass ich immer die Kaffeemaschine zwei Minuten länger laufen ließ, nur um das leise Blubbern zu haben, das das Büro lebendig erscheinen ließ. Anna stellte die Thermoskanne ab, ging die langen Reihen von Schreibtischen entlang und berührte flüchtig die Monitore wie Verteidiger einer Stadtmauer. Draußen flackerte die Stadt in einem gemächlichen Takt von Autoscheinwerfern und Werbetafeln, drinnen summte die Klimaanlage ein monoton-sicheres Lied. Ihr Tagesrhythmus war wie ein Uhrwerk: Mails prüfen, Serverlogs durchscrollen, den letzten Kopierauftrag aus der Druckwarteschlange löschen, Fenster richtig verriegeln. Als letzte Person im Gebäude war sie zugleich Hausmeisterin, IT-Feuerwehr und unbezahlte Psycholo...

Ungeplante Begegnung im Elbtunnel: Ein Nachtstopp entfesselt alte Erinnerungen und unerwartete Herausforderungen.

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Ungeplante Begegnung im Elbtunnel: Ein Nachtstopp entfesselt alte Erinnerungen und unerwartete Herausforderungen. Tatablauf im elbtunnel Im Elbtunnel gibt es Geräusche, die man nicht mehr vergisst: das monotone Brummen von Motoren, das Tropfen von Regenwasser von den Wänden und das leise, panische Atmen eines Menschen, der plötzlich zu viel allein ist. Lena hatte nicht geplant, mitten in der Nacht hier anzuhalten. Ihr Wagen stotterte, die Anzeigen flackerten, und der Tunnel, der sonst nur ein Übergang war, verwandelte sich in einen Ort, an dem Zeit und Entscheidungen dicker zu liegen schienen. Hinter ihr blinkte ein Sattelzug, vorn glomm ein Abschleppwagenlicht wie ein ferner Stern. Sie war Krankenschwester, dreißig, mit müden Augen und einer Tasche voller Dienstkleidung. In ihrer Brust hämmerte ein ebenso müder Takt: die Erinnerung an ein gestriges Gespräch, eine Drohung, die sie weggeschoben hatte, als sei sie ein Stein auf dem Fluss. Der Fahrer des Lastwagens war Jonas, Mitte vie...

Verlorene Heimat: Flut verwandelt vertrautes Dorf in eine gespenstische Wunderwelt

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Verlorene Heimat: Flut verwandelt vertrautes Dorf in eine gespenstische Wunderwelt Zustand des dorfes nach der flut Die Uhr am Kirchturm blieb auf 3:12 stehen — der Moment, in dem das Dorf aufhörte, normal zu sein und anfing, sich in etwas Fremdes zu verwandeln. Anna stand mit den Händen in festem Gummihandschuhen am Rand der ehemaligen Hauptstraße und sah, wie der Schlamm die Gärten wie eine weitere Jahreszeit überzogen hatte. Es roch nach modrigem Holz, Öl und dem süßlichen Gestank verdorbener Erdbeeren; von weitem hörte man nur das Knarren einzelner Türen, die der Flut nicht widerstanden hatten. Häuser trugen helle Linien, die das Wasser hinterlassen hatte, wie Narben; Fenster waren zertrümmert, Gardinen hingen schwer und schwarz vom Wind. Die Bäckerei, die an jedem Sonntag warmen Duft in die Straße blies, war ein halb gespenstischer Raum aus nassen Säcken Mehl und umgestürzten Blechen. Auf der Dorfwiese lag eine Schafherde noch verwirrt zusammengepresst, die meisten Tiere mit trä...

Erinnerungen zwischen Ruinen: Briefe aus der Stunde Null erzählen von Hoffnung und Verlust.

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Erinnerungen zwischen Ruinen: Briefe aus der Stunde Null erzählen von Hoffnung und Verlust. Kriegserfahrungen der stunde null Ich roch den Rauch der Stadt, noch bevor ich verstand, dass Rauch Namen tragen konnte: Asche von Küchen, Nägeln, und Erinnerungen, die in den Fenstern hingen wie zerrissene Gardinen. Ich war zehn, mein Bruder Paul vier, und unsere Mutter hatte die Augen einer Frau, die sich weigert, die Nacht zu beenden. Wir wohnten in einer Wohnung, deren Zimmer nur noch Fragmente waren — ein Schrank ohne Türen, ein Tisch mit einem Beine weniger, ein Bildrahmen mit dem Porträt eines Mannes, dessen Lächeln von einer Splitterverletzung durchkreuzt wurde. Draußen lag die Stadt wie ein aufgeschlagenes Buch, dessen Seiten der Wind zerfetzte; jede Straße begann und endete in Schutt, und die Glocke der Kirche schlug nicht mehr so oft, als hätte auch sie die Zeit verloren. Die Tage waren aus leeren Händen gewebt. Morgens schlief Paul oft noch an meiner Seite, ein leichter Körper, de...