„Die Nebel von Dunmoor“ - Kapitel 1: Der See und der Mann im Schatten

 

Die Nebel von Dunmoor“

Ein Mystic-Krimi


Kapitel 1: Der See und der Mann im Schatten

Der Wind wehte in dünnen Schleiern über das dunkle Wasser des Loch Dunmoor. Ein feiner Nebel stieg auf, als wollte er die Erinnerung an die Nacht verbergen. Auf dem Steg, der knarrend ins Wasser ragte, stand ein Mann. Still. Breit gebaut, die Schultern leicht nach vorne gesenkt, als trüge er eine Last, die mehr wog als der Rucksack auf seinem Rücken.

Jonas Falk atmete tief durch. Die kalte Luft schnitt in seine Lungen wie Glas. Er schloss die Augen – für einen Moment war es nur Wind, Wasser und das Dröhnen seines eigenen Herzschlags in der Brust. Kein Martinshorn. Kein Schrei. Kein Blut. Nicht diesmal.

Er war angekommen. Weg von Glasgow. Weg von all dem Lärm. Weg vom letzten Fall, der ihm den Schlaf genommen hatte – und beinahe auch den Verstand.

Die Flucht in die Einsamkeit

Dunmoor war ein Ort, den man nicht einfach fand. Ein paar verstreute Häuser, ein heruntergekommenes Pub, ein winziger Laden mit unregelmäßigen Öffnungszeiten, und natürlich der See – groß, still und, wie die Einheimischen sagten, „eigenwillig“. Kein Netz, kein Empfang. Aber genau das hatte Jonas gesucht.

Das Cottage, das er für sechs Monate gemietet hatte, lag leicht erhöht auf einem Hang, von Bäumen halb umschlossen. Die Frau vom Pub – Isla McBride – hatte ihm den Schlüssel übergeben. „Sie werden’s entweder lieben oder nach drei Tagen wieder abreisen“, hatte sie gesagt. „Dazwischen gibt’s nichts.“

Er war geblieben.

Drei Wochen nun schon. Die Tage begannen früh, endeten früh. Spaziergänge durch den Wald, gelegentlich ein Pint im Pub, ansonsten Bücher, Schreiben, Schweigen. Jonas schrieb nicht über Verbrechen, nicht über Täter oder Opfer. Er schrieb Listen. Listen von Dingen, die er bereuen musste. Listen von Menschen, die er nicht retten konnte. Listen von Fragen, auf die es keine Antworten mehr gab.

Ein dunkles Echo

In der Nacht, in der alles begann, hatte Jonas schlecht geschlafen. Wieder. Der Wind hatte an den Fensterläden gerissen, und ein seltsames, rhythmisches Geräusch war durch die Bäume gedrungen – wie ein dumpfer Trommelschlag. Als er gegen halb vier das Haus verließ und den Pfad zum See hinunterging, war der Nebel so dicht, dass er kaum zehn Meter weit sehen konnte.

Er stand am Steg, die Hände in den Taschen, der Blick ins Nichts. Der See war vollkommen ruhig, wie eingefroren. Dann hörte er es: ein Platschen, weit draußen, gefolgt von einem leisen, kehligem Laut – fast wie ein Wimmern.

Jonas erstarrte. Er kannte dieses Geräusch.

Dann, wie aus dem Nichts, tauchte ein Licht auf. Eine Taschenlampe? Nein. Ein fahles Leuchten, das aus dem Nebel selbst zu kommen schien. Es war nur für Sekunden da – und verschwand wieder.

Er ging ein paar Schritte den Steg entlang, horchte. Doch alles war wieder still.

Als er zurück ins Haus kam, zitterten seine Hände.

Morgengrauen und Leichenfund

Am nächsten Morgen klopfte es an seiner Tür. Eine junge Frau stand vor ihm – etwa Anfang dreißig, rote Wangen, kräftige Statur. Sie stellte sich als Constable Aileen Kerr vor. Dorfpolizei. Ein wenig forsch, aber mit einem offenen Gesicht.

„Mr. Falk? Sie sind doch der ehemalige Ermittler aus Glasgow, oder? Ich hab Ihren Namen gegoogelt, als Sie herzogen. Tut mir leid, ich weiß, das ist unhöflich.“

Jonas nickte nur.

„Wir haben… also… es wurde heute früh eine Leiche gefunden. Eine junge Frau. Uferseite Nordost. Ich dachte… Vielleicht wollen Sie mitkommen. Oder eher… Ich wüsste gern, was Sie davon halten.“

Jonas wollte ablehnen. Er hatte abgeschlossen mit dieser Welt. Aber etwas in ihrer Stimme – Unsicherheit, vielleicht auch die Ahnung, dass dies kein gewöhnlicher Todesfall war – ließ ihn nicken.

Sie fuhren mit einem alten Jeep über eine bucklige Straße durch den Wald, bis sie eine schmale Lichtung am See erreichten. Zwei Männer in Uniform standen bereits dort. Einer rauchte, der andere fotografierte mit einer alten Digitalkamera.

Die Leiche lag halb auf dem Ufer, halb im Wasser. Jung, vielleicht Anfang zwanzig. Barfuß, das Haar wirr, die Haut so blass, dass sie fast durchsichtig wirkte. Und da war es: ein dunkles, rundes Symbol auf ihrer Stirn. Kein Tattoo. Eher… eingebrannt.

Jonas kniete sich nieder. Er sah sich die Hände der Toten an – keine Kampfspuren. Keine Verteidigungswunden. Der Gesichtsausdruck war friedlich, beinahe leer. Aber das Symbol ließ ihn erschauern. Es war nicht zufällig dort.

„Kennt sie jemand?“, fragte er leise.

Aileen antwortete: „Emily Doran. Sie war mit ihrer Großmutter auf Sommerbesuch. Die Familie besitzt ein altes Haus hier – seit Generationen. Und… das ist nicht das erste Mal, dass jemand so gefunden wurde. Ich habe… Akten aus den Achtzigern. Ähnliche Fälle. Aber niemand glaubt daran. Es heißt, der Nebel sei schuld.“

Jonas sah sie an. „Der Nebel?“

Sie nickte. „Der See. Der Ort. Es gibt Geschichten. Von einem Fluch. Von einem Wesen, das ruft.“

Er wollte lachen, aber das Symbol auf der Stirn der Toten sprach eine andere Sprache.

Die Rückkehr des Ermittlers

Zurück im Cottage wusch sich Jonas die Hände – obwohl er die Leiche nicht einmal berührt hatte. Das Bild ließ ihn nicht los. Das Symbol. Das fahle Licht. Das Geräusch in der Nacht.

Er setzte sich an den Tisch, schlug ein neues Notizbuch auf. Zum ersten Mal seit Monaten schrieb er keine Liste.

Stattdessen nur ein Satz:

„Der Nebel hat Augen.“

Er ahnte nicht, dass dies der Beginn von etwas war, das viel älter und viel dunkler war als jedes Verbrechen, das er je in der Stadt gesehen hatte.

 

Fortsetzung folgt nächste Woche

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